Das mit den Fähnchen: SV Sandhausen vs FC Hansa Rostock 1:2 – 12.5.2023

Stadion

SV Sandhausen vs FC Hansa Rostock 1:2

Am drittletzten Spieltag der Zweiten Bundesliga 22/23 gab es im Hardtwaldstadion zu Sandhausen ein weiteres »Spitzenspiel von unten« zu bewundern: Der immer noch Tabellenletzte SV Sandhausen begrüßte den 6 Punkte voraus liegenden FC Hansa Rostock zum Freitagabendmatch. Ex-Trainer »Alu« Schwartz nahm aber mit der für ihn typischen Spielweise durch einen 1:2-Sieg alle drei Punkte mit an die Gestade der Ostsee und sorgte damit für den Fast-Abstieg des SVS…

Angst und Schrecken im Abstiegskampf!

Nach dem Heimsieg gegen Mitabstiegskampfkonkurrent Jahn Regensburg gab es für den SVS eine durchaus unglückliche Last-Minute-1:2-Niederlage in Braunschweig. Welche die Tabellensituation vor den letzten drei Spielen weiterhin unschön gestaltete:

Pos. Team Spiele Tore Punkte
13. Eintracht Braunschweig 31 -15 35
14. 1. FC Nürnberg 31 -18 34
15. Hansa Rostock 31 -18 34
16. Arminia Bielefeld 31 -9 30
17. Jahn Regensburg 31 -20 28
18. SV Sandhausen 31 -25 28

Klare Sache: Ein Sieg musste her, bei einer Niederlage und einem Bielefelder Sieg (in Kaiserslautern) hätte Relegationsplatz 16 zwei Spiele vor Schluss schon 5 Punkte entfernt sein können. Umgekehrt hätte man mit einem Sieg bei einer Bielefelder Niederlage auf ebenjenen Relegationsprozess springen und Hansa Rostock wieder schön mit in den Abstiegskampf reißen können…

Eine Konstellation für ein sportjournalistisches »ausgerechnet« gab es auch: Trainiert wurden die Rostocker vom »guten alten« Alois Schwartz, der am 19. Februar beim SVS entlassen worden war und drei Tage später in Rostock anheuerte. »Alu« startete mit drei Niederlagen, brachte dann aber seinen »SchwartziBall« zum Funktionieren und fuhr zuletzt drei Siege hintereinander (mit 5:0 Toren!) ein…

Apropos Trainer, auch der Vorletzte Jahn Regensburg trennte sich in der Woche vor dem 32. Spieltag von Trainer Mersad Selimbegovic und verpflichtete Osnabrück-Legende Joe Enochs, der abgesehen von einem Zwei-Spiele-Interimstrainer-Einsatz in Osnabrück 2011 nie höher als Dritte Liga trainiert hat. Damit haben alle Klubs auf den Plätzen 14 bis 18 mindesten den zweiten, Bielefeld und Sandhausen gar schon den dritten Fußballlehrer im Einsatz. Ursache oder Wirkung, das ist hier die Frage…

SV Sandhausen vs FC Hansa Rostock 1:2

Die letzten beiden Gegner der Sandhäuser heißen Heidenheim und HSV. Da kann man nicht unbedingt sechs Punkte einplanen, weshalb das Match gegen Mitkonkurrent Hansa vorentscheidenden Charakter hatte. Ob dieser Bedeutung wurde alles aufgefahren. Die Geschäftsstellenmitarbeiter hatten ein großes Banner »WIR! GLAUBEN AN EUCH!« gebastelt und vor einen fast leeren Block gehängt (siehe unten »Impressionen«), was eine ganz eigene Symbolkraft entfaltete…

Außerdem wurde, wie einst in einer legendären TV-Werbung, »das mit den Fähnchen« gemacht. Sprich, der Verein verschenkte am Eingang SVS-Fähnchen, die eifrig geschwenkt werden sollten. Und der »Fanszene«-Block hatte fein gebastelt und präsentierte eine Choreo mit einem höchst seltsamen »Psycho-Smiley«, untermalt von düsteren Rauchschwaden. Auch was die Zuschauer-Motivation rund um das Spielfeld angeht, gilt der Sandhäuser Marketing-Slogan: »WIR! ECHT ANDERS.«

Aber am langen Ende sind Fähnchen und Choreos nur höchstens am Rande wirkender Tand, denn es gilt, wie schon in den 50er Jahren der Dortmunder Adi Preißler feststellte: »Entscheidend is auf'm Platz!«

Und da war »Alu« Schwartz wild entschlossen, bei seinem ehemaligen Arbeitgeber in dem ihm eigenen Stil Zählbares mitzunehmen: Sieben Mann als Riegel in der Mitte der eigenen Hälfte, lange Bälle nach vorne als »Offensivtaktik« und dem Gegner den brotlosen Ballbesitz im Mittelfeld überlassen.

Damit kam der SVS überhaupt nicht zurecht (obwohl sie das System ihres ex-Trainers eigentlich noch gut kennen sollten…). Die Männer von »Kleppo« Kleppinger hatten den Ball, wussten damit aber rund um den Hansa-Strafraum wenig anzufangen. Hansa wartete geduldig auf eine Gelegenheit, und die kam in der 17. Minute. Ein langer Ball wurde im Mittelkreis von Hinterseer per Kopf angenommen und auf den startenden Nils Fröling gespielt. Der marschierte Richtung Tor, ließ einen Sandhäuser Abwehrspieler nach dem anderen wie eine Slalomstange stehen und traf im Fünfmeterraum aus spitzem Winkel von links zum 0:1. Eine feine Einzelleistung, die aber schon weit vor dem Strafraum durch ein schlichtes »Umhauen« hätte unterbunden werden müssen…

Das war genau das, was »Alu« wollte. Wer sich bei Sofascore oben links die Aktivitätsgrafik anschaut sieht schön, wie Hansa nach dem Treffer wieder Sandhausen gewähren ließ. Kurz nach der Führung hatte der SVS die beste Chance der ersten Hälfte, weil Rostocks van Drongelen eine Ajdini-Flanke fast ins eigene Tor beförderte…

Offensiv war es sehr dürftig, was Sandhausen anbot. Wenn man dazu noch defensiv Fehler macht, wird es schwierig. Wie Sicker, der in der 37. Min. Kai Pröger mit gestrecktem Bein im Strafraum zu Fall brachte. Pröger verwandelte den fälligen Elfmeter selbst – 0:2! xG in HZ 1: 0,21 zu 1,23…

»Kleppo« wechselte zur HZ zweimal und sein SVS wurde energischer. Was schnell ein Ergebnis brachte, Esswein flankte von links und Janik Bachmann traf per Kopf zum 1:2. Game on! Der SVS hatte nun die beste Phase des Spiels und erzielte den Ausgleich in der 66. Minute durch El-Zein. Dachten zumindest alle, aber sein Schuss wurde von Bachmann mit dem Arm abgefälscht. Und da bei der unmittelbaren Torerzielung jedes Handspiel strafbar ist (egal wie »abgespreizt« der Arm ist), konnte dieses Tor nicht zählen…

Sandhausen drückte bis zum Schluss auf den Ausgleich (xG in der zweiten Hälfte 1,01 zu 0,31), blieb aber glücklos. »SchwartziBall« hatte mal wieder funktioniert, Rostock nahm einen in der zweiten Hälfte etwas glücklichen Auswärtssieg mit, den vierten Dreier in Serie bei 7:1 Toren. »Alu« knows! Und dürfte damit, abhängig von den anderen Ergebnissen, den Klassenerhalt (fast) sicher haben.

Im Gegensatz zum SVS, der Letzter bleibt und nun warten muss, wie düster die Tabellenlage nach den Samstags- und Sonntagsspielen vor den beiden letzten schweren Spielen gegen die Aufstiegsaspiranten 1. FC Heidenheim und HSV tatsächlich sein wird. Der direkte Klassenerhalt ist schon nicht mehr möglich, und der Sechzehnte Bielefeld könnte mit einem Sieg in Kaiserslautern 5 Punkte davonziehen. Und dann ausgerechnet nächste Woche beim »Erzrivalen« Heidenheim abzusteigen, während diese den Aufstieg in die Bundesliga feiern, wäre für alle Schwarz-Weißen eine bittere Angelegenheit. Die zu der missratenen Saison 22/23 passen würde wie die berühmte Faust aufs Auge…

Fazit: Ein Abstiegskracher auf spielerisch äußerst niedrigem Niveau mit vielen »Längen« in der ersten Halbzeit. Aber immerhin bis zum Ende spannend…

 

(Bewertung: Grauenvoll | Schlecht | Geht so | Gut | Exzellent)

Impressionen

»Three Points Hardtwald« gab es nicht…

»Zwischen Hopfen und Dünen« gibt es nächste Saison wohl Dritte Liga zu sehen…

Zweite Liga 22/23