Brisantes Derby: SV Oberderdingen vs FC Fatihspor Oberderdingen 2:2 n.V. (3:4 E.) – 22.8.2020

Stadion

SV Oberderdingen vs FC Fatihspor Oberderdingen 2:2 n.V. (3:4 E.)

Ein Ausflug in den benachbarten Fußballkreis Bruchsal: In Bretten-Rinklingen stieg das brisante Derby des kleinen Kraichgau-Orts Oberderdingen. Der alteingesessene SV 1910 traf, umgeben von allerlei Lärm neben dem Platz, auf den neu gründeten FC Fatihspor zum ersten Derby der Geschichte. Und das ging in einem großen Pokalfight im Elfmeterschießen an die »Neulinge«…

»Oberderdingen hat alles, was man braucht«

Idyllischer Kraichgau… (Bild: Florian Plag, flickr.com, CC-BY 2.0)

[Foto: »Home.« von Florian Plag, Creative Commons Attribution 2.0 Generic Licence, thanks!]

»Inmitten der Hügel des Kraichgaus, dort, wo die badische und die württembergische Weinstraße aufeinandertreffen, liegt unsere Gemeinde: Oberderdingen!«

So lauten die einleitenden Worte im »Offiziellen Imagefilm« der Gemeinde Oberderdingen. Oberderdingen ist eine 11.000-Einwohner-Gemeinde am östlichen ruralen Ende des Landkreises Karlsruhe. Der Ort liegt prachtvoll in den sanften Hügeln des Kraichgaus, ein schmackhafter Wein gedeiht dort in der badischen Sonne, leise weht der Wind durch die bewaldeten Täler und kühlende Seeen laden zum Verweilen ein. Herrlich!

Weiter heißt es im Imagefilm:

»Auf unseren Sportplätzen, in den vielen verschiedenen Vereinen, bei der freiwilligen Feuerwehr und dem Roten Kreuz sowie auf unseren zahlreichen Veranstaltungen kommen Menschen gerne zusammen. Oberderdingen bietet für jeden etwas, egal ob jung oder alt, groß oder klein, Auswärtige oder Hiesige! Oberderdingen hat alles was man braucht!«

Der Traditionsverein: SV Oberderdingen

Zu »Alles, was man braucht« gehört natürlich auch der Fußball. 1929 wurden die »Kickers Derdingen« gegründet, die nach dem Krieg 1946 mit einem 1910 gegründeten Turnverein zum »Sportverein Derdingen« fusionierten, der in den 60er-Jahren schließlich seinen heutigen Namen »Sportverein 1910 Oberderdingen« bekam. Der bekannteste Fußballer aus den Reihen des SV Oberderdingen ist der heutige Fanbeauftrage des VfB Stuttgart, Peter Reichert, der in seiner Jugend in Oberderdingen das Kicken lernte und 1984 mit dem VfB Stuttgart Deutscher Meister wurde. Und später u.a. noch für Racing Straßburg und den KSC spielte.

Die erste Mannschaft des SV war im letzten Jahrzehnt eine Fahrstuhlmannschaft zwischen A-Klasse und Kreisliga. Aktuell spielen die Oberderdinger in der Kreisliga A des Fußballkreises Bruchsal (wie auch die Teams aus Untergrombach und Obergrombach, deren Derby hier schon zweimal Thema war). In der Corona-Saison 19/20 lag der SV mit 1 Punkt aus 13 Spielen abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz und wurde nur durch den Saisonabbruch vor dem Abstieg in die B-Klasse gerettet…

Das Sportgelände des SVO liegt am südlichen Ortsrand und gehört der Gemeinde, die Infrastruktur (Kabinen, Flutlicht, etc.) hatte der Verein selbst gebaut. Der Ort und sein Traditionsverein lebten in der Idylle friedlich zusammen…

Die Neuen: FC Fatihspor Oberderdingen

Bis es dann im Jahre 2019 plötzlich einen zweiten Verein gab: Den FC Fatihspor Oberderdingen, der in der jetzt beginnenden Saison 20/21 den Spielbetrieb in der C-Klasse des Kreises Bruchsal aufnehmen möchte. Geplante Gespräche zwischen dem alten SV und dem neuen FC Fatihspor kamen 2019 nicht zustande. Und nach dem 20. Juni 2020, dem Tag, an dem der Verbandstag des Badischen Fußballverbandes die Saison 19/20 für beendet erklärte und damit die Transferperiode eröffnete (die nur bis zum 30.6. geöffnet war), wechselten auf einen Schlag 13 Spieler vom SV 1910 zum neuen Verein FC Fatihspor. Der Platzhirsch reagierte empört (die Website ist eine Ruine, aber man kann es lesen):

»Für die ehrenamtlichen Verantwortlichen der Abteilung Fußball war dies ein Schlag ins Gesicht. Mit einem derartig unsportlichen und respektlosen Verhalten gegenüber dem SVO wurde rücksichtslos in Kauf genommen, dass der SV Oberderdingen den Fußballbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten kann.«

Die Sportplatzfrage: Big Trouble in Little Oberderdingen

Was braucht man noch, wenn man am Spielbetrieb teilnehmen möchte? Genau, einen Sportplatz! Wie uns das Image-Video lehrte, hat »Oberderdingen alles, was man braucht«. Dummerweise aber keinen für Meisterschaftsspiele des FC Fatihspor tauglichen Sportplatz. Es gibt nur den des SV 1910, der sich nach dem Abgang des Personals nicht übermäßig kooperationsbereit zeigte. Vorwürfe wanderten hin und her, Statements wurden ausgetauscht, es gab Rassismusvorwürfe und einen Drohbrief. Die ganze Geschichte machte lokale Zeitungs-Schlagzeilen (BNN am 15.7.20 und am 19.8.20) und das regionale TV (Baden-TV am 6.8.20) berichtete. Das Hin und Her kann man unter den angegebenen Links nachlesen, Fakt ist: Der SV 1910 will den »Emporkömmling« nicht auf seinem Sportplatz spielen lassen, der zuständige Bürgermeister sagt gar nix und der FC Fatihspor steht noch ohne Ground für die kommende Saison da…

SV Oberderdingen vs FC Fatihspor Oberderdingen 2:2 n.V. (3:4 E.)

»Ausgerechnet« ist bekanntlich eines der Lieblingsworte des zeitgenössischen Sportjournalismus, aber nie war es so passend wie in der am Wochenende ausgetragenen ersten Runde des Kreispokals Bruchsal: Denn das Los führte ausgerechnet die beiden Oberderdinger Lokalrivalen SV 1920 und FC Fatihspor zusammen, so dass das erste Pflichtspiel in der Geschichte des FC Fatihspor das Derby gegen den alteingesessenen Fußball-Platzhirsch sein sollte…

»Aus Sicherheitsgründen« wurde das erste Oberderdinger Derby auf neutralem Platz im Saalbachstadion des TSV Rinklingen, einem B-Ligisten aus dem gleichnamigen Stadtteil der in der Nähe von Oberderdingen gelegenen Kreisstadt Bretten (8,3 km Luftlinie), ausgetragen. Was ein wenig übertrieben erscheint, denn schlagzeilenträchtiges ereignete sich ausschließlich auf dem Spielfeld…

500 Leute sind in BaWü zu Corona-Zeiten bei öffentlichen Veranstaltungen erlaubt, das Oberderdingen-Derby nutzte das erlaubte Kontingent voll aus. Einige durften nicht mehr rein und drängelten sich am Zaun…

Am Eingang gab es eine »Fantrennung«, die aber wohl nur zu Beschleunigung des Einlasses mit seinen Corona-Formalitäten eingerichtet wurde. 450 Leute sorgten für eine erstaunlich große Kulisse bei einem Kreispokalmatch zwischen A- und C-Klasse.

Pünktlich um 17:00 führte der FC Fatihspor den ersten Anstoß zu einem Pflichtspiel der noch jungen Vereinsgeschichte aus. Danach tat sich auf dem Rasen durchaus Erstaunliches. Der A-Ligist SV war feldüberlegen und dominierte das Spiel, das C-Klasse-Team Fatihspor wehrte sich aber nach Kräften. Der SV brachte außer einer Unmenge von Standards nichts Zählbares zustande. Zwei Treffer ans Torgebälk waren die karge Ausbeute dieser Versuche…

Kurz vor der Pause (40. Minute) ging der Außenseiter sogar in Führung. Fatihspor erarbeitete sich auch einmal einen Standard, und die von Serkan Akin, Bruder des einst (2009/10) vom sangesfreudigen Brettener KSC-Kurzzeit-Präsidenten Paul Metzger höchstpersönlich verpflichteten Serhat Akin, ausgeführte Ecke landete auf dem Schädel von Elias Vincon, der mit dem Kopfballtor zum 0:1 das erste Pflichtspieltor für Fatihspor erzielte. Großer Jubel bei den zahlen- und lautstärkemäßig die Ränge dominierenden Fatihspor-Fans…

Nach der Pause ließ der Druck des SVO langsam nach und Fatihspor »verdiente« sich die Führung. Nach einer kurzen Drangphase unmittelbar nach Wiederanpfiff tauchte auch der FC zunehmend am gegnerischen Strafraum auf und näherte sich mit einer Serie von Freistößen dem Kasten von SVO-Tormann Tsenekidis an. In der 63. Minute hatten sie das Ziel dann erreicht. Serkan Akin vollstreckte seinen Freistoßversuch zum 0:2. Die Überraschung schien machbar!

Die Angriffsbemühungen des SV wirkten nun zunehmend fahriger und die Spieler machten ob der Ergebnislosigkeit ihrer Bemühungen einen leicht frustrierten Eindruck. Bis zur 72. Minute, als der 1:2-Anschlusstreffer dem Favoriten neue Hoffnung gab. Ein von der rechten Seite hoch vor das Tor geschlagener Ball wurde von Fatihspors Abwehr nicht gut geklärt und flipperte kurz vor der Torlinie herum. Nachdem einmal Keeper Sariisik angeschossen wurde, beförderte Simon Schneider die Kugel schließlich hinter die Linie.

Das war das Signal zur Schlussoffensive gegen jetzt müder werdenden Fatihsport-Spieler. Trotzdem retteten diese ihre knappe Führung mit etwas Glück bis in die Nachspielzeit. Von der waren auch schon fast zwei Minuten rum, als die Fatihspor-Abwehr erneut einen Ball nicht klären konnte und Spielertrainer Yavuz Solmaz den Ball zum 2:2 ins Tor schob. Sehr unglücklich für die tapferen Fatihspor-Kicker – Verlängerung!

Diese brachte dann nix ein, weil beide Teams bei sommerlichen Temperaturen verständlicherweise zunehmend erschöpfter wurden. Sogar Schiri Carsten Martin war ein wenig angeschlagen und musste kurz behandelt werden. 2:2 nach 120 Minuten, es kam zum Höhepunkt des Pokalfights - dem Elfmeterschießen.

Gleich der erste Elfer bot großes Drama. Fatihspors Keeper Sariisik hielt den ersten Elfer, hatte sich aber zu früh von der Torlinie entfernt. Die Wiederholung setzte der Schütze des SVO gleich neben den Kasten. Fatihspors erster Schütze vergab ebenfalls, danach verwandelten die kommenden drei Schützen beider Teams ihre Elfer. Beim fünften Elfer wurde es dann dramatisch. Roman Pödör verschoss und der fünfte Schütze Fatihspors, Mert Yilmaz, hatte die Entscheidung auf dem Fuß:

Er verwandelte souverän und hatte dann nach 120 Minuten noch die Energie für eine langen Jubelsprint. Zurecht, das erste Pflichtspiel und das erste Oberderdingen-Derby gingen nach einem großen Kampf an den Außenseiter.

Und wie man auf dem Sportplatz so hören konnte, sollte wohl auch am heutigen Montag eine Entscheidung über die »Platzfrage« getroffen werden. Was immer man auch auf Seiten des SV Oberderdingen für Bedenken vor dem Kreispokal-Derby hatte, sie waren komplett unbegründet. Alles blieb friedlich und gekämpft wurde nur auf dem grünen Rasen. So muss das sein!

Fazit: Ein bis zum letzten Elfmeter spannender Kreispokal-Fight in einer besonderen Konstellation mit einem überraschenden Sieger.

 

(Bewertung: Grauenvoll | Schlecht | Geht so | Gut | Exzellent)

Impressionen

Sommerwetter beim Derby

Blick durch das Netz…

Der obligatorische Eckfahnenshot…

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