Ceci n’est pas un Old Firm: Eine kleine Vorschau auf das Glasgow-Derby

Fitbadiary

The Fitba Diary

Schon am vierten Spieltag der Scottish Premiership steht das erste Derby der beiden Großklubs aus Glasgow an: Tabellenführer Celtic (drei Siege aus drei Spielen) reist zum punktgleichen Tabellenzweiten, den New Rangers. Serviceorientiert, wie wir hier nun einmal sind, liefern wir eine kleine Vorschau auf das große Match, das auch hierzulande am Sonntag um 13:00 live auf DAZN verfolgt werden kann…

Historisches: Ceci n’est pas un Old Firm…

René Magrittes berühmtes Bild »La trahison des images«, das das Bild einer Pfeife mit der Textzeile »Ceci n’est pas une pipe« zeigt, sollte lt. Wikipedia nach einer Interpretation des Philosophen Michel Foucault den Beobachter zur Reflexion darüber zwingen, was man eigentlich überhaupt unter der Realität eines Gegenstandes zu verstehen hat.

»Rangers Attack« von Gregor Smith auf flickr, CC BY-NC-ND 2.0, Szene vom 6.2.2011

Was uns zum vielzitierten »Old Firm« bringt, als das uns das Derby der beiden großen Glasgower Klubs noch stets verkauft wird. Übersetzt heißt »Old Firm« so viel wie »alte Firma«. Woher der Ausdruck stammt ist unklar, höchstwahrscheinlich wurde er aber erstmals 1904 auf einer Werbetafel verwendet, auf der »Patronise The Old Firm: Rangers, Celtic Ltd« stand. Was darauf abzielt, dass nach der Gründung von Rangers (1872) und Celtic (1887) und der kurz darauf erfolgten Aufnahme des professionellen Spielbetriebs in Schottland (1890) diese beiden Großklubs die dominierenden und kommerziell erfolgreichsten Klubs Schottlands sind und waren. Von den bis heute ausgespielten 123 Schottischen Meisterschaften gingen nur 19 an andere Vereine, aber 54 an die Rangers und 50 an Celtic…

[Foto: »Rangers Attack« von Gregor Smith, Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic Licence, thanks!]

2012 kam der »Old Firm« aber die Hälfte abhanden, denn die Rangers gingen nach jahrelanger Misswirtschaft mit dubiosen Off-Shore-Firmen in die Insolvenz und wurden schließlich als kommerzielle Organisation liquidiert. Da Fußball und sein Traditionalismus aber mehr aus Religion als aus »harte Fakten« besteht, wird bei den 2012 neu gegründeteten Rangers und ihren zahlreichen Fans in Verbänden und Medien noch stets so getan, als wäre der Klub, der heute mitspielt, immer noch der von 1872. Das kennt man auch von hiesigen insolventen und neugegründeten und fusionierten Vereinen (Gruß an Lok Leipzig)…

Auf der grünen Seite Glasgows betrachtet man hingegen die Geschichte der »Old Firm« mit der Auflösung der alten Rangers seit 2012 für beendet und bezeichnet das Duell zwischen Celtic und dem neuen Klub heutzutage als »Glasgow Derby«.

Wer also den Begriff »Old Firm« weiter verwendet (wie viele deutsche Medien), übernimmt bewusst oder unbewusst das Weltbild des blauen Teils von Glasgow. Es ist ja kein Geheimnis, dass ballreiter der grünen Seite überaus zugetan ist, dementsprechend bezeichnen wir das Match als das, was es ist: Das »Glasgow Derby«!

Grundsätzlich gilt das Derby in Glasgows natürlich als eines der hitzigsten überhaupt und seine Geschichte wird stets mit einem üppigen Überbau aus Politik und Religion erzählt. Politik und Religion haben heute allerdings keine Bedeutung mehr (auch bei Rangers spielen schon seit Jahrzehnten Katholiken). Es ist einfach eine enorme gewachsene lokale Rivalität, bei der die historischen Versatzstücke aus religiösem und irisch-britischem Gegensatz als »Munition« bei der verbalen Auseinandersetzung verwendet werden…

Horden von Auswärtsfans gibt es sowieso nicht mehr. In Schottland gibt es im Gegensatz zu deutschen Gepflogenheiten kein »amtlich« festgelegtes Mindestkontingent für Auswärtsfans, und Rangers haben das Kontingent für Celtic-Fans von 7.000 auf 800 eingedampft (Celtic revanchierte sich dafür selbstverständlich). Damit ist die große Derbystimmung mit lauten Wechselgesängen der beiden Lager im Stadion sowieso perdu…

Die Lage vor dem Derby: Zweikampf an der Tabellenspitze

Die schottische Meisterschaft (wir hatten dazu eine kleine Vorschau geliefert) bietet nach den ersten drei Spieltagen ein komisches Bild: Celtic und Rangers marschieren mit der Maximalausbeute von neun Punkten an der Tabellenspitze, und ab Rang 3 beginnt bereits das untere Mittelfeld. Zwischen den wg. des schlechteren Torverhältnisses auf Rang 2 liegenden Rangers und dem aktuellen Tabellendritten Livingston klafft ein Loch von vier Punkten, genauso viele wie zwischen Livingston und dem Tabellenletzten Kilmarnock. Auf den vorderen Plätzen erwartete Teams wie Aberdeen, Hibernian oder Hearts legten einen mäßigen Saisonstart hin. Kein Team außer den beiden »Großen« hat mehr als ein Spiel gewonnen. Positiv ausgedrückt ist die Liga ab Rang 3 sehr ausgeglichen, negativ formuliert einfach ziemlich schlecht…

Die aktuelle SPFL-Tabelle

Da die »Verfolger« auf den Rängen 3 bis 8 am vierten Spieltag alle gegeneinander spielen, könnte der Sieger des Glasgow-Derby sich ziemlich komfortabel an der Tabellenspitze einrichten…

Werfen wir einen Blick auf den Stand der sportlichen Dinge bei den beiden Kontrahenten aus Schottlands größter Stadt…

Celtic

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Drei Spiele und drei Siege mit insgesamt 15 Toren – da kann man bei Celtic über den Saisonstart in der Meisterschaft nicht motzen. Wäre da nicht das Ausscheiden aus der Champions-League-Quali gegen den rumänischen Meister Cluj und das unmittelbar darauf folgende Beinahe-Debakel im Ligapokal gegen den Zweitligisten Dumfernline (2:1 nach Verlängerung) gewesen, was schwer auf die Stimmung rund um den Meister und dreifachen Triple-Sieger drückte…

Gegen Cluj brachte man es fertig, nach einem 1:1 auswärts in Rumänien zu Hause nach zweimaliger Führung noch 3:4 zu verlieren. Dieses Rückspiel gab all denen, die Zweifel an der Beförderung von Interimstrainer Neil Lennon zum festen Trainer hatten, neue Nahrung.

Celtics Schwachstelle ist die Defensive. Das ist in der Meisterschaft wg. der Qualität der Gegner in der Regel unproblematisch, aber schon ein europäisches Mittelklasseteam wie Cluj zeigte die Defizite gnadenlos auf. Publikumsliebling Kieran Tierney wechselte zu Arsenal und hinterließ eine Lücke auf der linken Außenverteidiger-Position, die von Neuzugang Boli Bolingoli nur mäßig ausgefüllt wird. Auf der rechten Abwehrseite überzeugte der andere Neuzugang Hatem Elhamed, der allerdings nach ein paar Spielen gleich verletzt ausfiel. Ebenso wie »Dauerpatient« Jozo Simunovic in der Innenverteidigung. Eine dünne Personaldecke und ständige Umstellungen – die Defensive ist Celtics Baustelle.

Offensiv wussten die Bhoys aber zu überzeugen. Wie hier beim 7:0 am ersten Spieltag gegen St. Johnstone praktiziert das Team im typischen »Neil-Lennon-Powerfußball-Stil« einen flotten Angriffsfußball mit schnellen Kombinationen und agilen Rochaden auf den Flügeln. Flügelmann James Forrest, Mittelstürmer Odsonne Edouard, Mittelfeldmann Ryan Christie und der junge Außenstürmer Mikey Johnston präsentierten sich spielfreudig und haben reichlich gescored. Dazu stehen mit dem wiedergenesenen Mittelstürmer Leigh Griffiths und dem jungen Angreifer Vakoun Issouf Bayo Alternativen zur Verfügung.

In den letzten Tagen vor dem Glasgow-Derby ging Celtic noch einmal Spieler shoppen. Die Ausbeute waren zwei Einjahres-Leihen. Mit Moritz Bauer kam ein österreichisch-schweizerischer Rechtsverteidiger von Stoke City zur Verstärkung der schwächelnden Defensive. Und mit dem ehemaligen Basler Mohamed Elyounoussi kam eine hochkarätige Offensivkraft von Southampton. Es könnte gut sein, dass wir beide schon am Sonntag auf dem Rasen sehen.

Rangers

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Liverpool-Legende Steven Gerrard legte ebenfalls einen guten Start in seine zweite Saison als Rangers-Trainer hin. Sein Team musste sich die bisherigen drei Liga-Siege aber deutlich mehr »erarbeiten« als Celtic. Zweimal (am ersten Spieltag in Kilmarnock und letzte Woche gegen St. Mirren) fiel der Siegtreffer erst in der Nachspielzeit, und auch beim 6:1 gegen Hibernian wurde das Ergebnis erst in den letzten 20 Minuten deutlich, als Hibernian nach einer Gelb-Roten Karte in Unterzahl spielen musste.

In der Defensive sind bisher Borna Barisic, Connor Goldson, Nikola Katic und Kapitän James Tavernier gesetzt und erledigen ihre Aufgabe verlässlich. Entsprechend kassierten die wiedergeborenen Rangers in der Liga in drei Spielen nur zwei Gegentore, in alle bisherigen Saisonspielen nur einmal deren zwei. Im Mittelfeld davor ackern Scott Arfield, Neuzugang Joe Aribo, Ryan Jack und Glen Kamara ebenso zuverlässig.

Schwächer besetzt ist das Offensivspiel, das sehr »schottisch« (hohe Bälle nach vorne und alle mit Tempo hinterher) aussieht und von zwei Spielern abhängig ist. Nämlich vom 36-jährigen englischen Oldie Jermain Defoe und vor allem dem wankelmütigen kolumbianischen Rote-Karten-Sammler Alfredo Morelos. Immerhin, der heißblütige Morelos hat bisher in 11 Pflichtspielen lediglich zweimal Gelb gesehen, das ist für seine Verhältnisse sensationell diszipliniert! Dazu hat der Kolumbianer schon wieder zehnmal getroffen. Auch Defoe traf schon sechsmal ins Netz, damit geht die Hälfte aller Rangers-Tore auf das Konto dieses Duos.

Die Derby-Lage nach 2012

Der Gesamtstand in der 128-jährigen Geschichte des Glasgow-Derby ist relativ ausgeglichen: Von den 417 ausgespielten Pflichtspielen gewann Celtic 157 und die beiden Rangers-Klubs 161.

Das Ende der Rangers und ihr Neuanfang als neuer Klub in der vierten Liga führte dazu, dass es drei Jahre lang kein Derby mehr gab. Erst im Februar 2015 trafen Celtic und der damalige Zweitligist Rangers im Liga-Pokal aufeinander und Celtic siegte 2:0.

Insgesamt gab es in der neuen Rangers-Ära 14 Spiele: 10 Siege für Celtic, zwei Remis und zwei Siege für Rangers. Die beiden Siege für Rangers waren aber die beiden Spiele in Ibrox in der letzten Saison. Insbesondere das erste Spiel zum Jahresausklang 2018 war eines der schlechtesten Celtic-Spiele in der Ära Brendan Rodgers und beschleunigte die Verwerfungen hinter den Kulissen, die schließlich zum Abgang von Rodgers Richtung Leicester führten. Beim 2:0 am 37. Spieltag im Mai war hingegen die Meisterschaft bereits entschieden und Celtic ließ die Saison austrudeln…

Nichtsdestotrotz gewannen die Rangers und ihre zahlreichen Fans in den Medien aus diesen beiden Spielen den Eindruck, dass der Abstand zwischen Celtic und Rangers kleiner geworden wäre, trotz erneut 9 Punkte Rückstand in der Abschlusstabelle…

Prognose

Folgende Aufstellungen können wir erwarten: Gerrard wird gegen Celtic (wie gegen Legia in der UEL) mit zwei defensiven Sechsern agieren. Bei Celtic können wir vielleicht schon die beiden Neuverpflichtungen aus der letzten Woche auf dem Rasen, zumal in der Defensive mit diversen Verletzungen »der Schuh drückt« (höchstwahrscheinlich fällt auch Jungstar Kristoffer Ajer aus):

Rangers: McGregor – Barisic, Goldson, Katic, Tavernier – Arfield, Jack, Davis (Kamara), Aribo – Morelos, Ojo (Defoe)

Celtic: Forster – Bolingoli, Jullien, Bitton, Bauer (Ajer) – Christie (Ntcham), Brown – Elyounoussi (Morgan, Christie), McGregor, Forrest – Edouard

Und wie geht es aus? 3:1 für Celtic!

Ihr könnt Euch von der Stichhaltigkeit des Tipps persönlich überzeugen: 13:00 live auf DAZN und (gratis) auf Laola1.tv. Bei letzterem ist die Programmvorschau allerdings immer so eine Sache, da verschwinden Spiele auch gerne mal kurzfristig aus dem Plan…

»The Fitba Diary« (früher »Neues aus Schottland«) beschäftigt sich unregelmäßig-regelmäßig mit dem schottischen Fußball. Denn über schottischen Fußball gibt es auf Deutsch nur selten etwas zu lesen. Und wenn, dann werden die üblichen Klischees ausgewalzt. »Fitba« ist der schottische »Slang«-Ausdruck für Fußball.

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