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Sieg oder Spielabbruch: SV Waldhof Mannheim vs KFC Uerdingen 1:2 (0:2 wg. Spielabbruch) – 27.5.2018

SV Waldhof Mannheim vs KFC Uerdingen 1:2 (abgebrochen)

Aus alter Verbundenheit zum Fußball des heimatlichen Niederrhein ging es zum Aufstiegsspiel zwischen dem Zweiten der Regionalliga Südwest, dem SV Waldhof Mannheim, und dem Westdeutschen Meister KFC Uerdingen ins Mannheimer Carl-Benz-Stadion. Was sich im Hinspiel (1:0 für Uerdingen) schon andeutete, zeigte sich auch im Rückspiel: Der KFC Uerdingen war klar überlegen und gewann 2:1. Theoretisch, denn praktisch erinnerte sich nach 80 Minuten ein Teil der sogenannten »aktiven Fan-Szene« des SV Waldhof an das gute alte Motto »Sieg oder Spielabbruch« und setzte es effektiv in die Tat um…

Aufstieg in die Dritte Liga

Die Aufstiegsregelung von den Regionalligen in die Dritte ist bekanntlich ein wenig problematisch, weshalb sie um diese Zeit des Jahres stets ein verbreitetes »Meister müssen aufsteigen!1!11!!«-Twitter-Tourette triggert. Ändert aber natürlich nichts daran, dass die Regeln in dieser Saison nun einmal so sind wie sie sind und man sich als aufstiegswilliger Klub darauf einzustellen hat. Überraschenderweise wurden sie durch »aber das ist ungerecht«-Mimimimi nicht spontan geändert…

Der Zweite der Regionalliga Südwest, Waldhof Mannheim, bekam es mit dem West-Meister KFC Uerdingen zu tun. Als wir das letzte Mal im November ein Spiel des KFC anschauten, auswärts beim Wuppertaler SV, war der KFC unter Trainer Michael Wiesinger noch in erster Linie ein Defensivbollwerk. Nach dem Spiel in Wuppertal gelangen dem KFC aber in den folgenden sechs Spielen nur noch zwei Siege und Präsident und Geldgeber Mikhail Ponomarev sah das Aufstiegsziel in Gefahr. Deshalb handelte er trotz Rang 2 umgehend, löste Wiesinger ab und stellte seinen Wunschtrainer (der vorher aber noch in Erfurt unter Vertrag stand) Stefan Krämer ein. Begleitet von einem gewissen Unverständnis in Social Media, vor allen von Leuten, die zwar noch kein Spiel von Uerdingen in der Regionalligasaison gesehen hatten, aber genau wussten, dass das nur eine total überflüssige Oligarchenreaktion sein kann…

Der Trainerwechsel erwies sich aber als Volltreffer. In den folgenden 12 Spielen ging kein Spiel mehr verloren, mit 11 Siegen und 1 Remis setzten sich die Krefelder gegen Konkurrent Viktoria Köln durch und das Defensivbollwerk KFC verwandelte sich in eine Torfabrik. 41 ihrer 68 Saisontreffer erzielte der KFC im letzten Saisondrittel unter Krämer und spielte dabei trotzdem achtmal zu Null…

Gegner Waldhof Mannheim unternahm gegen den KFC den dritten Versuch hintereinander, aus der Regionalliga Südwest in die Dritte Liga aufzusteigen. Das in Duisburg ausgetragene Hinspiel konnte der KFC mit 1:0 für sich entscheiden, der SV Waldhof hatte aber eine kämpferisch gute Leistung gegen die spielerisch überlegenen Uerdinger gezeigt.

SV Waldhof Mannheim vs KFC Uerdingen 1:2 (abgebrochen)

Mit dem knappen Ergebnis war noch nichts verloren für das Rückspiel, entsprechend zahlreich und erwartungsfroh fanden sich die Zusehenden ein. Normalerweise schauen sich im Schnitt 4.800 Zusehende Spiele im Carl-Benz-Stadion an, zur Relegation bei sommerlich-schwülwarmen 27 Grad war das Stadion mit über 24.000 Zusehenden gefüllt. Ist doch überall dasselbe: Wenn es um was geht, stehen alle auf der Matte…

Die »organisierte Fan-Szene« hatte zur Feier des Tages etwas gebastelt und führte, eingeleitet von Frédéric Chopins »Marche Funèbre«, eine langatmige und etwas schräge Choreo mit Motiven von Tod, Auferstehung und Zombies auf, die von üppigen Rauchschwaden aus schwarzen und blauen Rauchtöpfen untermalt wurde. Zusätzlich wurde der Rest des Publikums dazu animiert, schwarze und blaue Pappen hochzuhalten. Man kann nur hoffen, dass die Freunde der Fankultur diese Aufführung ausgiebig genossen haben. Denn nach dem, was im Laufe des Spiels noch folgen sollte, könnte es ein bisschen dauern bis zur nächsten größeren Fankurven-Bastelarbeit in Mannheim…

Los geht‘s im blauen Rauch…

Unter den wabernden Resten des blauen Choreo-Rauchs konnte dann auch endlich Fußball gespielt werden. Und es ging vom Start weg zur Sache. Das Mannheimer Publikum veranstaltete ein Heidenspektakel und trieb das Team von Trainer Bernhard Trares nach vorne. Dabei erlaubten sich die »Waldhof-Buwe« aber immer wieder Ballverluste, die umgehend zu gefährlichen Uerdinger Angriffen führten. Der KFC war spielerisch hochüberlegen. Die Waldhöfer versuchten, das mit Einsatz zu kompensieren, verloren aber viele Bälle mit dem zweiten oder dritten Pass und lebten wg. der schnellen Uerdinger Flügelspieler dadurch defensiv ausgesprochen gefährlich.

In der 29. Minute war es dann soweit. Nach einem typischen Uerdinger Angriff über den Flügel, vorgetragen vom ex-Gladbacher Dorda, bekam Chessa den Ball im Strafraum und legte quer auf Krempicki, der aus kurzer Entfernung mühelos zum 0:1 einschob.

Das war für die »Buwe« natürlich ein Stimmungsdämpfer erster Güte, denn Waldhof brauchte damit drei Tore, um den Aufstieg hinzubekommen. Bedenkt man, dass den Mannheimern in den vorherigen fünf Aufstiegsspielen in den letzten drei Jahren kein einziges Tor gelungen war und der KFC in den letzten acht Pflichtspielen überhaupt nur 4 Tore kassiert hatte, dann war das Führungstor mehr als die »halbe Miete« für die Mannen vom Niederrhein.

Aber aufgeben wollten die Waldhöfer noch nicht. Nach einem Freistoß von Diring drei Minuten später, den dieser an die Latte hämmerte, gab es einen Moment der Verwirrung in der sonst so souveränen Uerdinger Abwehr. Der von links herannahende Mayer nutzte diesen aus und beförderte die Kunstlederkugel zum umjubelten Ausgleich über die Linie. Der Waldhof hatte wieder ein wenig Hoffnung geschöpft.

Die wiederum nur sechs Minuten später erneut einen herben Dämpfer bekam. Wieder flankte Dorda vom linken Flügel in die Mitte, wo Öztürk sich die Kugel aus der Luft vorlegte und mit einem Knaller aus 16 Metern unhaltbar ins Tor hämmerte.

Mit 1:2 ging es in die Pause…

Waldhof musste also drei Tore in der zweiten Hälfte erzielen, entsprechend riegelte der KFC das Spielfeld ab und unterband robust die spielerisch bescheidenen Mannheimer Angriffsbemühungen. Trotz der defensiven GRundausrichtung fanden die Uerdinger immer wieder Gelegenheiten zu ihren gefährlichen Angriffen über die Flügel. Ein Lattentreffer von Beister in der 75. Minute war aber die einzige Ausbeute.

Als die Uhr sich der letzten Viertelstunde näherte, dämmerte es langsam im Publikum, dass das wohl nichts mehr werden würde für den Waldhof. Zu souverän agierten die Uerdinger, und zu durchsichtig waren, bei allem kämpferischen Einsatz, die Bemühungen der Mannheimer. Es wurde still im Carl-Benz-Stadium und die siegesgewissen Gesänge aus dem Uerdinger Block, untermalt von einer »Freudenpyro«, übernahmen die Atmosphäre im Stadion.

Sieg oder Spielabbruch

Womit wir dann beim Thema »Sieg oder Spielabbruch« wären! Da ersteres nicht mehr möglich war, entschied sich das Waldhöfer Fankultur-Spezialklientel auf der Osttribüne hinter dem Tor für letzteres. Eine ergiebige Kaskade von Böllern und rauchenden Leuchtkörpern, vorher von Kapuzenträgern im Block in aller Ruhe vorbereitet, regnete auf den Uerdinger Strafraum herunter. KFC-Torwart René Vollath ergriff die Flucht und Schiedsrichter Patrick Ittrich unterbrach das Spiel. Trotzdem feuerten die Spezialisten weiter aus allen Rohren. Pyros setzten sogar den eigenen Block in Brand, so dass Feuerlöscher herangeschafft werden mussten. Trainer Bernhard Trares ergriff vor dem Block das Wort mit dem Mikro, um die Lage zu beruhigen. Zur Belohnung landete eine Leuchtrakete vor seinen Füßen…


Schiri Ittrich unternahm nach 20 Minuten Pause noch einmal einen Versuch, das Spiel fortzusetzen und ordnungsgemäß zu beenden. Der in einem erneuten Feuerwerk endete und zum Abbruch führte…

Was dort in Mannheim vor sich ging war schon sehr erstaunlich. Man konnte sich von der Tribüne aus das Treiben im Fanblock anschauen. Dieser ist »selbstverwaltet«, d.h., er ist eine Art »Abenteuerspielplatz für Ultras« im Stadion. Bei 27 Grad liefen dort Leute mit schwarzen Kapuzenjacken und Gesichtsmasken herum, ohne dass das jemanden störte. Diese kälteempfindlichen Leute waren dauernd mit irgendetwas beschäftigt, nur nicht mit dem Spiel. Im Nachhinein ist klar, womit…

Das (vorläufige) Ende des Spiels: Jubelnde Uerdinger hinter einer Polizeikette vor dem Gästeblock, bedröppelte Mannheimer Spieler drehten eine kleine Ehrenrunde und bekamen Applaus von den richtigen Fans.

Die »Buwe« in Blau konnten einem schon ein wenig leid tun: Zum dritten Mal hintereinander in den Aufstiegsspielen gescheitert, und dieses Mal auch noch relativ chancenlos. Dazu wurden sie auch noch von einem Teil der eigenen Fans, offensichtlich mit Duldung des Großteils der Fankurve hinter dem Tor, zu Nebendarstellern degradiert. Es gab schon bessere Tage für den SV Waldhof Mannheim…

Fazit: Als Zusehender mit klaren Sympathien für den KFC vom Niederrhein ein durchaus interessanter Nachmittag im Stadion. Es gab ein über weite Strecken unterhaltsames Spiel in 75 Minuten lang guter Atmosphäre. Und man konnte vom Logenplatz aus dabei zusehen, wie sich die glorreiche deutsche »Fankultur« mal wieder selbst zum Horst machte (schon klar dass das für die insgesamt 80 Verletzten weniger unterhaltsam war). Und nach über 30 Jahren Fußball im Stadion das erste Mal bei einem Spielabbruch live dabei gewesen, man erlebt immer noch neue Dinge…

Nachwirkungen

Bei Waldhof Mannheim geht es nun rund. Der Verein reagierte einen Tag später hart und angemessen und beendete die »Selbstverwaltung« des Ultra-Abenteuerspielplatz-Block hinter dem Tor.

Nach Auskunft des Rettungsdienstleister gab es insgesamt 80 Verletzte. In Social Media wurde dafür dann verbreitet der »böse DFB« verantwortlich gemacht, denn die schlimme Relegation sei alles schuld! Da könne man dann ja als armer gebeutelter Fan schon mal aus Frust einen kleinen Spielabbruch verursachen, wenn man zum dritten Mal scheitert. Was dann mal wieder zeigt, wie kaputt der Fußballfan-Mainstream und das, was man in Deutschland »Fankultur« nennt, tatsächlich sind…

Nachtrag: Das endgültige offizielle Ergebnis des Spiels lautet lt. Beschluss des DFB-Sportgerichts vom 29.5.18 0:2.

Glückwunsch an den KFC

Zurück zum Sport. Ein herzlicher Glückwunsch geht an den KFC Uerdingen! Nach einer langen finsteren Phase bis hinunter in die sechstklassige Niederrheinliga und seltsamen Präsidenten wie dem Herrn »Lakis« und seinen obskuren Spielerverpflichtungen (Ailton), scheint nun mit Mikhail Ponomarev der erste Schritt auf dem Weg zurück in den Profifußball gelungen zu sein. Und wie man Ponomarev kennt, möchte er in der Dritten Liga nicht nur ein bisschen mitspielen, sondern wird Trainer Krämer ein Team bereit stellen, das in der Liga vorne mithalten kann. Mit dem Aalener Innenverteidiger Robert Müller wurde tags drauf gleich der erste Neuzugang mit Drittliga-Routine präsentiert. Und das wird nicht der letzte gewesen sein…

Weekly Vollath

Stammleserinnen und -leser mögen sich noch erinnern: Zu seinen KSC-Zeiten war nach jedem Spiel der »Weekly Vollath« eine feste Einrichtung in diesem kleinen Fußballblog. Diese Blog-Tradition möchten wir zur Feier des Tages beibehalten, der Uerdinger Keeper soll das Schlusswort haben und schrieb in seinem Facebook-Account:

»Aufstieg gepackt. Wieder zurück auf der Bühne. Danke an ALLE die ihren Teil dazu beigetragen haben, ich bin unglaublich stolz auf die Mannschaft und alle Jungs und Mädels drumrum, auf alle Fans die uns immer unterstützt haben. Wir haben uns das gemeinsam verdient.«

Impressionen

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