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Besuch an der Hafenstraße: Rot-Weiss Essen vs Borussia Mönchengladbach U23 2:1 – 24.3.2018

Rot-Weiss Essen vs Borussia Mönchengladbach U23 2:1

Ende März ist im Hause ballreiter traditionell »Heimatbesuchszeit« im Westen, die natürlich auch stets mit dem Besuch eines Spiels auf einem bis dato unbesuchten Ground verbunden wird. Dieses Mal ging es in das vor sechs Jahren neuerbaute Stadion Essen zum Regionalspiel zwischen Rot-Weiss Essen und Borussia Mönchengladbachs U23, das neben »Stadion gucken« eher bescheidenen Fußball bot und mit 2:1 ein durchaus überraschendes Ende nahm…

Rot-Weiss Essen

Traditionsverein

Vereine, die es schon etwas länger gibt und die in ihrer Historie mal eine viele Jahre zurückliegende gute Phase hatten und heute in einer eher tristen Gegenwart leben, gibt es viele. Man nennt sie »Traditionsvereine«. Und genau so einer ist Rot-Weiss Essen.

1912 aus einer Fusion diverser anderer Vereine (von einem, dem »Sportverein Vogelheim«, hat RWE das »offizielle« Gründungsjahr 1907 übernommen) entstanden, hatte RWE seine beste Phase in der Oberliga West der 50er Jahre. Höhepunkt war der Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1955. Im Finale in Hannover wurde der favorisierte 1.FC Kaiserslautern mit 4:3 geschlagen.

Kleiner Exkurs: Der KSC war 1955 Pokalsieger. Deshalb war das erste Fußballspiel, das im 1955 frisch eröffneten Karlsruher Wildparkstadion ausgetragen wurde, der inoffizielle »Supercup« zwischen Pokalsieger und Meister, also KSC vs Rot-Weiss Essen. Das Spiel endete am 7.8.1955 2:2.

Helmut Rahn, der einst aus dem Hintergrund schoss…

Mit der Meisterschaft 55, dem Pokalsieg 53 und den zwei Westdeutschen Meisterschaften 52 und 55 waren die 50er die große Zeit von RWE. Mit »Boss« Helmut Rahn war ein Essener ein maßgeblicher Bestandteil (»…aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen…«) des »Wunders von Bern« 1954. Zu Beginn der 60er war damit Schluss, es ging in die Zweitklassigkeit hinunter.

Deshalb war RWE nicht dabei, als 1963 die Bundesliga gegründet wurde. Darauf mussten sie bis 1966 warten. Mit dem Aufstieg in die Bundesliga zur Saison 66/70 begann eine zweite »bessere« Phase als »Fahrstuhlteam« zwischen Bundesliga und Zweiter Liga. Insgesamt sieben Spielzeiten verbrachte RWE bis 1977 im Oberhaus und spielte dort mit Spielern wie Manfred Burgsmüller, Horst Hrubesch und natürlich Willi »Ente« Lippens durchaus eine gute Rolle. Das beste Ergebnis war Rang 8 in der Saison 75/76.

Nach dem Bundesliga-Abstieg 1977 war die glorreiche Zeit vorbei und die Rot-Weißen wurden eine Etage tiefer zur Fahrstuhlmannschaft zwischen Zweiter Bundesliga und der höchsten Amateurklasse.

Noch ein kleiner Exkurs: 79/80 gelang den Essenern fast die Rückkehr in die Bundesliga. Damals war die 2. Liga noch zweigeteilt, und der Nord-Zweitplatzierte Essen musste gegen den Süd-Zweiten KSC in Hin- und Rückspiel um den Aufstieg spielen. Es gab zwei noch heute legendäre Aufstiegsspiele, in denen sich der KSC nach einem 5:1 im Wildpark und einem 1:3 an der Hafenstraße durchsetzte und in die Bundesliga aufstieg.

Wie es sich für einen soliden deutschen mitgliedergeführten Traditionsverein gehört, hat RWE natürlich auch eine Insolvenz im Geschichtsbuch stehen. 2010 endete ein »Fünfjahresplan zur Rückkehr in die Bundesliga« mit der Pleite und dem Zwangsabstieg in die fünftklassige NRW-Liga. Ein Jahr später gelang die Rückkehr in die Regionalliga West, in der Rot-Weiss seitdem kickt.

Stadion Essen

Seit 1923 spielt RWE an der Hafenstraße im Stadtteil Bergeborbeck. Der traditionelle Ground, das altehrwürdige Georg-Melches-Stadion, musste 1976 aus finanziellen Gründen an die Stadt Essen verkauft werden. Zu RWEs Blütezeit in den 50ern war es eine der modernsten Anlagen Europas, z.b. war es das erste Stadion der Bundesrepublik mit Flutlicht.

Seit den 90ern plante man in Essen, ein neues Stadion zu errichten. Wie das aber so ist, wenn man ein Traditionsverein ist, der sich seine Infrastruktur von der öffentlichen Hand bauen lassen muss, zog sich das bis 2011 hin. Seit August 2012 ist das neue »Stadion Essen« aber in Betrieb, ebenfalls an der Hafenstraße, ein wenig schräg versetzt neben den Ort des alten Georg-Melches-Stadion (das heute ein Parkplatz ist) errichtet.

Und es ist ein wirklich schönes Stadion geworden. Es ist ein typisches Stadion der Art »deutscher Stadionneubau 21. Jh., klein«, wobei die Ecken (mit einer Option auf zukünftige Erweiterung) offen gelassen wurden. Das freischwebende »transluzente« Dach (ohne Pfeiler!) und eine Fassade mit einer Art Apple-»Brushed Metal«-Optik geben dem ganzen eine moderne und »leichte« Optik (siehe Fotos).

Der Weg dorthin führt durch ein an dystopische Science-Fiction-Filme erinnerndes post-industrielles Brachland mit Schrottplätzen und halb abgerissenen Bahnbrücken. Bewohntes Terrain erreicht man erst an der Kreuzung zur Hafenstraße, an der die Fans vor den umliegenden Kneipen auf der Straße stehen und mit einem »Pilsken« vorglühen…

Rot-Weiss Essen vs Borussia Mönchengladbach U23 2:1

Sportlich ist die aktuelle Regionalliga-Saison für Rot-Weiss Essen ziemlich durchwachsen. Man gurkt ein wenig im unteren Mittelfeld herum, der Abstand zu den gefährlichen Rängen ist auch nicht so arg groß…

Da man als »Traditionsverein« stets von der Rückkehr in den bezahlten Fußball träumt (sich sogar als »da hin gehörend« versteht), das aber seit der Insolvenz nie in realistischer Reichweite war, grassiert im Umfeld eine latente Unzufriedenheit, die im Oktober 17 zur Entlassung von Trainer Sven Demandt führte. Kurz drauf trat Präsident Michael Welling, der den Verein nach der Insolvenz solide geführt hatte, was ihn von der »Fan-Szene« mit Bannern wie »Sieben Jahre sportlicher Stillstand« und weiterer massiver Kritik gedankt wurde, freiwillig von seinem Amt zurück…

Neuer Trainer wurde ein alter Karlsruher Bekannter, nämlich der langjährige Co-Trainer von Markus Kauczinski, Argirios »Agi« Giannikis. Er erhielt einen Vertrag bis zum Ende der Saison. Als ein Angebot vom Drittligisten VfR Aalen reinflatterte, entschied sich Agi, nach Ablauf seines Vertrags wieder zu gehen und im Sommer nach Aalen zu wechseln, statt über einen Anschlussvertrag zu verhandeln. Seitdem ist auch Agi »der Böse« für die »Fan-Szene«, obwohl er in seiner Amtszeit vor dem Spiel von 9 Spielen vier gewonnen und nur drei verloren hatte. Was für einen mittelprächtigen Regionalligisten durchaus eine gute Bilanz ist.

Aber, wir wissen, mit den »Fan-Szenen« ist das so eine Sache. Irgendeine Gruppe steht immer im Schmollwinkel. Aktuell findet der »harte Kern« auf der Westtribüne alles doof. Dementsprechend rief in der Woche vor dem Spiel eine Fangruppe mit vor Traditionsvereinpathos triefenden Worten zum Stimmungsboykott auf. Und stand dann beim Spiel schmollend auf der Westtribüne und dekorierte das Schweigen mit einem riesigem Banner, auf dem »Lösungen finden. Trainer raus jetzt!« zu lesen war. Und der Agi steht ein paar Meter daneben…

Natürlich ist niemand im Stadion zum singen und anfeuern verpflichtet. Aber so ein Banner – Stil hat man, oder man hat ihn eben nicht…

Zurück zum Spiel. Mit 18 Euro für einen Gegentribünensitzplatz im Block am Rand ist das Vergnügen »Regionalliga-Mittelmaß« in Essen ganz schön teuer. Und auch für das Stadionbier wird mit 4 Euro ein Zweitligapreis aufgerufen…

Noch ein Wort zur U23 der Borussia: Diese war jahrelang ein Spitzenteam der Regionalliga, 2015 scheiterte die U23 erst in den Aufstiegsspielen gegen Werder Bremen II am Aufstieg in die Dritte Liga. In der aktuellen Saison ist das Team von Trainer Arie van Lent jedoch nur noch im oberen Mittelfeld unterwegs.

So ging das Spiel im schönsten Sonnenschein, aber mit einer eher an Verbandsliga-Matches erinnernden Kulisse los. Die Westkurve schmollte, der Rest machte nix. Lediglich sporadisch kamen aus einer Ecke der Gegentribüne ein paar Anfeuerungsrufe. Entsprechend waren trotz 5.857 Zusehender die lautesten Geräusche die Kommandos der Spieler und Trainer…

Das Spiel riss auch niemanden von den schönen neuen Tribünensitzen. RWE war feldüberlegen und Boss im Mittelfeld, ohne viele Torchancen zu bekommen. Borussia gelang offensiv fast gar nix.

Umso überraschender dann die Führung für Borussia in der 23. Minute. Nach einem Einwurf von Mandela Egbo flog das Kunstlederkügelchen über Freund und Feind hinweg in den Strafraum auf den Fuß von Charalampos Makridis, der es zur Gladbacher Führung locker einschob…

Und während sich die Borussen über das unerwartete Tor noch freuten, kam der Ball nach dem Wiederanstoß zu Kamil Bednarski, der über halblinks das ganze Feld durchquerte und mit einem sehenswerten Schuss aus 18 Metern postwendend zum Ausgleich traf. Das waren zwei wilde Minuten!

Ansonsten gab es viel Mittelfeldgekicke mit Essener Dominanz zu sehen. Nach der Pause rettete der Gladbacher Keeper Tim Hiemer mit einer sensationellen Parade gegen einen Kopfball aus wenigen Metern Entfernung die Führung. RWE belagerte die Borussia für den Rest des Spiels förmlich in der eigenen Hälfte, war aber in den Angriffsbemühungen zu umständlich, um in die Nähe von Hiemers Kasten zu kommen.

Als niemand mehr damit rechnete, flog in der 84. Minute eine Flanke vom Flügel auf den Kopf von Marcel Platzek, der den Siegtreffer platzierte. »Ausgerechnet«, Platzek hatte vier Jahre für Borussia U23 gekickt…

Fazit: Ein schönes neues Stadion, ein mäßiges Spiel und eine ziemlich unsympathisch rüberkommende »Fan-Szene« gab es an der Essener Hafenstraße zu sehen. Und: Einmal reicht…

Impressionen


Blauer Himmel über dem Stadion…

Ein Flutlichtmast des Georg-Melches-Stadion steht zur Erinnerung vor dem neuen Stadion…

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