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Torabschluss- und Sanitätermangel: Wuppertaler SV vs KFC Uerdingen 0:1 – 4.11.2017

Wuppertaler SV vs KFC Uerdingen 0:1

»Aus Gründen« verschlug es Team ballreiter in den Westen. Das musste natürlich ausgenutzt werden, um mal wieder etwas »Exotisches« anzuschauen. Die Wahl fiel auf das Regionalligaduell des Traditionsvereins Wuppertaler SV gegen den Spitzenreiter KFC Uerdingen…

Stadion am Zoo

Das Stadion des Wuppertaler SV, das »Stadion am Zoo«, ist ein echtes Kleinod. Malerisch zwischen Wupper und Zoo gelegen, rumpelt die pittoreske Schwebebahn direkt an der denkmalgeschützten Fassade der Haupttribüne vorbei.

Die Haupttribüne wurde Anfang der 90er Jahre neu gebaut, die alte Fassade (»Schildwand« nennt man so eine Konstruktion) wurde restauriert und erhalten. So eine Schildwand gibt es in Deutschland sonst nur noch im Berliner Olympiastadion.

Für die Anreise zum Stadion ist unbedingt die Schwebebahn aus Richtung Wuppertal-Vohwinkel zu empfehlen. Diese biegt, von Vohwinkel kommend, unmittelbar vor dem Stadion auf die Strecke über der Wupper ein. Somit kann man praktisch aus der Luft zum Stadion hingleiten und hat einen schönen Blick von oben auf die Haupttribüne und das Stadion. Es wird nicht viele Stadien geben, wo so etwas möglich ist. Anreiseempfehlung ist also: Irgendwo in Vohwinkel parken (oder am Bahnhof Vohwinkel aussteigen) und dann etwa 6 Minuten mit der Schwebebahn zum Stadion hinüberschweben.

Achten Sie auf den Bildern der Haupttribüne auf die geparkten Fahrzeuge der Sanitäter, diese sollten an jenem Nachmittag in Wuppertal noch eine bedeutende Rolle spielen…

Als es 1924 eröffnet wurde, wand sich rund um das Spielfeld die, so sagte man damals, schnellste Radrennbahn Europas (man sieht sie auf diesem Bild in den wilden Weiten des Internets sehr schön). Radrennbahnen in Stadien waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich, das Stade Vélodrome in Marseille ist ein prominenter Vertreter dieser Kategorie von Stadien.

Für ein Fußballstadion ist so eine wuchtige Radrennbahn allerdings eher ungünstig. Deshalb wurden diese in den 90ern abgerissen und neue Tribünen errichtet. Wenn man sich das Stadion anschaut, insbesondere die nun mit Gras bewachsenen Rundungen in den Ecken, kann man die alte Struktur des Stadions mit Radrennbahn noch erahnen.

Der offizielle Besucher-Rekord steht bei 38.000 Zusehenden bei einem Bundesliga-Spiel gegen Bayern München im Jahre 1974. Nach dem Umbau in den Nuller-Jahren passen 23.000 Zusehende in das Stadion, im Alltag der Regionalliga West kommen im Schnitt 2.400 in das vom WSV seit 1954 genutzte Stadion.

Zum Duell der »Traditionsvereine« WSV und KFC Uerdingen durften 4.322 Fans begrüßt werden, was auch am prall gefüllten Gästeblock aus dem nahen Krefeld lag. Mit 9 Euro für einen Stehplatz mit freier Platzwahl ist man dabei und kann sich auf der Gegentribüne auch auf die Sitze im Bereich der ehemaligen Radrennbahn setzen.

Das Stadionbier kostet 3,50 EUR, war aber (der Fankultur sei Dank) nur alkoholfrei. Da die Fans von fast allen Klubs aus der Nachbarschaft den Wuppertaler SV verabscheuen, wurde die Begegnung als »Risikospiel« eingestuft.

Wuppertaler SV

Das bringt uns zum Gastgeber, den 1954 per Fusion des SSV 04 Wuppertal mit der TSG Vohwinkel 80 entstandenen Wuppertaler SV. Dieser ist ein typischer »Traditionsverein«, und damit wissen wir schon womit wir es zu tun haben: Einen Klub mit einer erfolgreichen Phase in einer schon etwas länger zurückliegenden Vergangenheit und einer sportlich und finanziell eher tristen Gegenwart.

Nach der Fusion spielte der WSV bis zur Bundesligagründung 1963 stets erst- und zweitklassig. Der große Star jener Zeit war Horst Szymaniak, der in seinen erfolgreichen vier Jahren in Wuppertal zum (bisher einzigen Wuppertaler) Nationalspieler wurde und danach 1959 zum KSC wechselte.

Von 1972 bis 1975 spielte der WSV sogar für 3 Saisons in der Bundesliga und schaffte in der ersten Saison einen vierten Rang in der Abschlusstabelle (und damit eine Runde UEFA-Cup). Nach dem Abstieg 75 wurde der Wuppertaler SV zur Fahrstuhlmannschaft zwischen Zweit- und Drittklassigkeit. Damit war es 1998 vorbei. Wg. Nichtbezahlung von Berufsgenossenschaftsbeiträgen stieg der WSV zwangsweise für vier Jahre in die Viertklassigkeit ab. Und 2013 folgte die für »Traditionsvereine« anscheinend obligatorische Insolvenz mit der Runterstufung in die fünftklassige Oberliga Niederrhein. 2016 gelang immerhin die Rückkehr in die viertklassige Regionalliga, in der man in der aktuellen Saison unter Trainer Stefan Vollmerhausen eine gute Rolle spielt und im oberen Tabellendrittel mitmischt.

Der ehemalige Karlsruher Spieler Manuel Bölstler (in der letzten Drittligaspielzeit 12/13 stand er im KSC-Kader, absolvierte aber wg. einer schweren Verletzung kein Spiel) agiert beim WSV als Sportdirektor.

KFC Uerdingen

Dem ehemaligen Bundesligisten (als Bayer 05 Uerdingen) KFC Uerdingen hatten wir im letzten Jahr einen Besuch abgestattet und ein paar Worte gewidmet. Mittlerweile sind die Krefelder in die Regionalliga West zurückgekehrt und aktuell Tabellenführer. Dank des ehemaligen Gesellschafters der Düsseldorfer EG, Mikhail Ponomarev, ist der KFC finanziell gut ausgestattet und kann sich einen starken (vom ehemaligen Nürnberger Bundesligatrainer Michael Wiesinger betreuten) Kader leisten. Mit Namen wie Christopher Schorch, Timo Achenbach, Christian Dorda, Alexander Bittroff, Kai Schwertfeger, Charles Takyi oder Marcel Reichwein versammelt sich geballte Bundesliga- und Zweitligaerfahrung im Kader. Und im Tor finden wir mit dem letztjährigen KSC-Torwart René Vollath einen guten alten Bekannten.

Der KFC Uerdingen lebt in dieser Saison von seiner exzellenten Defensive. In 15 Spielen hatten sie nur sechs Gegentore kassiert, schossen aber auch nur 16. Was für erstaunliche 30 Punkte reichte. Seit dem 7. Spieltag hatte der KFC nur 6 Tore geschossen. Was für 5 Siege und 5 Unentschieden reichte. Torwart Vollath war vor dem Spiel in Wuppertal 749 Minuten ohne Gegentor – was für ein Kontrast zu seiner Karlsruher »Schießbude« in der letzten Saison!

Wuppertaler SV vs KFC Uerdingen 0:1

Wunderbares sonniges Herbstwetter, ein für die örtlichen Verhältnisse guter Besuch in einem großartigen Stadion, zwei gut aufgelegte lärmende Fanblöcke – es war alles bereitet für das Spitzenspiel 5. gegen 1. in der Regionalliga West.

Nach 13 Minuten gab es eine große Aufregung, die das Spiel bundesweit in die Schlagzeilen brachte. Ein Uerdinger Konter wurde an der Mittellinie rüde unterbunden, gleich zwei Uerdinger lagen auf dem Boden. Flügelmann Christian Müller hatte es dabei schwerer erwischt. Sein Gegner hatte ihn auflaufen lassen und dabei das Nasenbein gebrochen, und Müller lag bewusstlos auf dem Rasen. Die Betreuer riefen nach Sanitätern und einer Trage, doch die kamen nicht, weil sie irgendwo im Zuschauerbereich auf ihren Posten waren und der Krankenwagen mit der Trage von einem Polizeiauto zugeparkt war (wir erinnern uns an die Bilder der Haupttribüne oben, die Krankenwagen zwischen vielen Polizeiautos…). Nach zehn Minuten rückten die Helfer dann an und Müller wurde ins Krankenhaus gebracht, mittlerweile geht es ihm wieder ganz gut. Das »Sanitäter-Drama« sorgte für bundesweite Schlagzeilen und wechselseitige Schuldzuweisungen (z.B. Reviersport, Sport1, Bild natürlich, Welt usw. usw.)…

Nach ca. 10 Minuten Unterbrechung ging es dann weiter. Das Match spielte sich vorwiegend im Mittelfeld ab, es gab wenig zu tun für die beiden Torhüter. Dafür wurde es mit kernigen Zweikämpfen und einigen bekömmlichen Fouls garniert. Was die Stimmung auf den Rängen noch weiter in Wallung brachte, es wurden diverse Nettigkeiten zwischen den beiden Fanblöcken ausgetauscht. Die Wuppertaler Fans hatten eine große Auswahl an bemalten Tapeten dabei, die sie dem gegenüberliegenden Uerdinger Block stolz präsentierten. Die Inschriften betonten ihre große Tradition gegenüber dem Bayer-, Lakis- und Ponomarev-Klub Uerdingen. »Tradition« hat man halt immer, mag die sportliche Gegenwart auch schon länger eher trist sein…

Mit 0:0 ging es in die Halbzeit. Nach dem alkoholfreien Pausenbier bot sich das aus der ersten Hälfte gewohnte Bild. Gegen die bärenstarke KFC-Abwehr gab es für den WSV kaum ein Durchkommen, selbst kamen die Krefelder aber auch nicht zu aussichtsreichen Abschlüssen. So war es eine verbissene Kampfpartie, es gab reichlich Fouls, Gelbe Karten und Behandlungspausen.

Als sich alle schon mit dem 0:0 abgefunden hatten, schlugen die Uerdinger in der 83. Minute aus dem Nichts zu. Nach einer Ecke von links kam WSV-Torwart Mroß raus und zog gegen den Uerdinger Mario Erb den Kürzeren, der per Kopf zum 1:0-Endstand verwandelte. Die Wuppertaler protestierten, wollten ein Foul gegen den Keeper gesehen haben, das sich aber im Video vom Treffer nicht bestätigen lässt, der Keeper setzt sich einfach nicht durch. Um sein hartes Schicksal als gefoulter Torwart zu verdeutlichen, ließ sich Keeper Mroß noch einige Minuten behandeln…

Die Uerdinger Minimalisten festigten mit dem nächsten 1:0-Sieg die Tabellenführung und René Vollath freut sich über 839 Minuten ohne Gegentor…

Fazit: Ein großartiger Ground, den man mal gesehen haben sollte. Eine stimmungsvolle laute Atmosphäre mit einem mitunter leicht vulgären Touch. Aber ein über weite Strecken etwas zähes Spiel, das war nicht gerade ein Festival der Strafraumszenen…

  • Youtube-Video vom WSV. Etwas länglich geraten, in den ersten vier Minuten gibt es die besten Szenen vom Spiel. In dem Zusammenschnitt wirkt es aufregender, als es eigentlich war…

Weekly Vollath

Stammlesende erinnern sich, der »Weekly Vollath« war in den Spielberichten aus dem Wildpark letzte Saison eine feste Einrichtung. Zu Ehren seiner großartigen Serie wollen wir diese Rubrik noch einmal aufleben lassen. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er, wg. der Verletzung von Müller wohl noch etwas angefressen:

»Die Serien gehen weiter. 14 Spiele ungeschlagen, neun Spiele am Stück zu Null, Tabellenführer. (…)Verletzungen gehören leider zum Fußball dazu, jedoch kann man zumindest wenn man sieht was man angerichtet hat sein Grinsen aus dem Gesicht wischen und sich aufrichtig entschuldigen. Nicht erst nach dem Spiel wenn, etwas auf die Spitze getrieben, eh schon alles rum ist.«

Impressionen

Blick über das Stadion.

Flutlichtmast.

Ein hübscher Flutlichtmast.

Die Sonne geht unter über dem Stadion…

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