Ballkultur

Videobeweis: Sie werden es verkacken…

»Play the long ball«, flickr, Craig Sunter, CC BY-NC-ND 2.0

Die drei Stammleserinnen und -leser wissen: Dieses Blog ist schon länger ein Befürworter des Videobeweises und begrüßte seine Einführung ausdrücklich. Aber die mit bemerkenswerter Ignoranz gegenüber den Erfahrungen anderer Sportarten realisierte Umsetzung durch die Verantwortlichen beim DFB lässt befürchten, dass der Videobeweis schon ruiniert sein wird, bevor er die Testphase verlassen hat…

[Foto: »Play the long ball« von Craig Sunter, CC BY-NC-ND 2.0 thanks!]

Aktive, Funktionäre und Fans des Fußballs eint das Leben in einer Blase, die ihr Spiel für den deutlich wichtigsten und mit jeglichen anderen in Wettbewerbsform ausgeübten Leibesübungen nicht vergleichbaren Sport auf Erden hält. Das wurde bei der testweisen Einführung des Videobeweises wieder einmal deutlich und zum Problem…

Andere Sportarten machen es richtig…

In anderen Sportarten gibt es den Videobeweis teilweise schon jahrelang und seine Anwendung ist, zumindest in den mir leidlich vertrauten Sportarten Rugby und Eishockey, weitestgehend unproblematisch. Und warum? Weil die Regelverantwortlichen erkannt haben, dass eine sinnvolle Anwendung der Technik klar definierte Regeln voraussetzt. Im Eishockey wird der Videobeweis ausschließlich zur Klärung der Frage »Regelgerechtes Tor oder nicht« eingesetzt. Es wird geklärt, ob der Puck drin war und ob dem Torschuss ein Verstoß (Torraumabseits, Hoher Stock, etc.) vorausging. Ähnlich sieht es im Rugby aus.

In diesen Mannschaftsportarten wurde die richtige Idee verwirklicht: Video ist ein sinnvolles Hilfsmittel zur gerechten Entscheidungsfindung für klar definierte Situationen. Was man auf keinen Fall wollte, war die Einführung eines zweiten Schiedsrichters, der dank der Technik im ganzen Spiel »dabei« ist und permanent in »Alltagssituationen« des Schiedsrichters eingreift und dessen Rolle damit grundlegend verändert. Und was macht man im Fußball? Genau das…

Der Fußball ist mal wieder auf dem Holzweg…

Das Fußball-Regelboard IFAB orientierte sich bei der »fußballregelhüteramtlichen« Einführung des Videobeweises an den bewährten Regeln anderer Sportarten und definierte diese einigermaßen klar. Der Videobeweis sollte zum Einsatz kommen bei…

  • »Goals/ no goal decisions«
  • »Penalty/ no penalty decisions«
  • »Direct red cards (not 2nd yellow cards)«
  • »Mistaken Identity« (Spielerverwechslungen)

Und, ganz wichtig (Hervorhebung von mir):

»To ensure that the referee (not the VAR) is the key match official, the referee will always make a decision (except a ›missed‹ usually ›off the ball‹ incident), including the decision that no offence has occurred. The referee’s decision can only be changed if the video review shows a clear error, i.e. not ›was the decision correct?‹ but: ›was the decision clearly wrong?‹«

Zu Beginn orientierten sich die Bestimmungen bei DFB/DFL (natürlich) an diesen Vorgaben:

»Voraussetzung für ein Eingreifen des Video-Assistenten ist jeweils, dass nach seiner Einschätzung ein offensichtlicher Fehler des Schiedsrichters auf dem Platz vorliegt.«

In der Realität der Bundesliga ergab sich aber von Spieltag zu Spieltag ein anderes Bild. Stückchen für Stückchen wurden die klaren Regeln aufgeweicht und der Videoref wurde das, was er nicht sein soll: Ein per Headset permanent mitlaufender zweiter Schiedsrichter, in seinem vom fahlen Glimmen einer Armada von Monitoren geheimnisvoll beleuchteten Kölner Kabuff hockend, das bei Sky-Übertragungen stets autoritätsheischend eingeblendet wird und wohl eine »Überlegenheit durch moderne Technik« suggerieren soll…

Höhepunkt dieser Entwicklung war dann am letzten Spieltag die Rote Karte für den Freiburger Söyüncü im Spiel beim VfB. Der Platzverweis wg. Notbremse war im Grunde eine typische »kann man so oder so sehen und einschätzen«-Situation, die es in jedem Spiel zig-fach gibt und deren Beurteilung im Ermessen des Schiedsrichters liegen sollte. Vor allem aber ist dieser Einsatz des Videobeweis ein klarer Verstoß gegen den IFAB-Grundsatz (s.o.):

»…not ›was the decision correct?‹ but: ›was the decision clearly wrong?‹…«

»Clearly wrong« war an dieser Ermessensentscheidung offensichtlich nix…

Der DFB weicht die IFAB-Regeln auf…

Heute wurde im kicker bekannt (Ausgabe vom 2.11.2017, Seite 5, auch online verfügbar), dass diese Aufweichung der IFAB-Grundsätze offizielle DFB-Linie ist. Schon am 25. Oktober gab es einen Brief des DFB an alle Bundesligisten (Christian Streich hat den wohl nicht gelesen…), in dem es u.a. heißt (zitiert nach kicker, ebd.):

»Bei schwierigen Situationen, in denen die Einordnung der Schiedsrichterentscheidung in die Kategorie ›Klarer Fehler‹ nicht zweifelsfrei gewährleistet ist, der Video-Assistent aber starke Zweifel an der Berechtigung der Schiedsrichterentscheidung hat, soll er das dem Schiedsrichter unverzüglich mitteilen.«

Auf gut Deutsch: Der unsichtbare Fünfte im aschfahlen Leuchten seiner Monitore wird »amtlich« zum permanent mitlaufenden »Oberschiedsrichter« erklärt. Und genau so sollte es nicht sein, s.o., Grundsätze der IFAB!

Was nun passiert, nämlich das der nur nach klaren Vorgaben eingreifende Video-Ref gewollt zum Ober-Schiri aufgebohrt wird, ist ein klarer Eingriff in das »Wesen des Spiels« und wird dazu führen, dass das gesamte Projekt »Videobeweis« seine Akzeptanz verliert und wieder beerdigt werden wird.

…und gefährdet damit das ganze notwendige Projekt »Videobeweis«

Denn es ist mit Veränderungen im Fußball sowieso immer so eine Sache. Jegliche Neuerung stößt stets auf eine erzkonservativ-reaktionäre Front der Ablehnung, die mit dem neuen Modell »Video-Ober-Schiri« Oberwasser bekommen wird.

Die Skepsis in Sachen Neuerungen liegt im System »Profifußball« begründet. Den Aktiven (Spieler, Trainer, Funktionäre) ist der eigene Vorteil heilig. Schauen Sie sich mal ein Eishockey- oder Rugby-Spiel an, Sie werden es nicht erleben, dass sich um einen per Videobeweis klärenden Referee eine lamentierende Rotte aus Spielern, Trainern und anderen Funktionären zur Beeinflussung der Entscheidung bildet. Weil dort noch ein Sportsgeist vorhanden ist, den der Profifußball erfolgreich wegoptimiert hat.

Ein ähnliches Bild bietet sich auf den Rängen. Über das »Argument«, der Videobeweis wäre ein störender Faktor in Sachen »Ich und meine Emotionen«, habe ich bereits im letzten Text in Sachen Videobeweis ein wenig gerantet. Wer das »emotionale Ego« für wichtiger hält als das korrekte Ergebnis des Spiels, sollte sich fragen, ob er oder sie beim Sport richtig ist…

Die sich jetzt andeutende missratene Umsetzung des Videobeweises durch den DFB wird diesen Strukturen der grundsätzlichen Ablehnung von »Allem« im Fußball dann die Argumente liefern…

Dass der Videobeweis notwendig ist, sollte niemand mehr bezweifeln können. Erst kürzlich sah man das wieder deutlich, als beim Spiel Barça vs Malaga ein Tor nach einer Flanke erzielt wurde, bei der der Ball sehr deutlich im Toraus war. In solchen Fällen kann und muss die verfügbare Technik für ein gerechtes Ergebnis im Sinne des Sports benutzt werden. »Es gleicht sich alles aus«, »die Diskussionen um Fehlentscheidungen machen Fußball erst interessant« und ähnlicher typischer Fußball-Fan-und-Funktionärs-Bullshit sind da ziemlich schwache Gegenargumente.

IFAB und FIFA sollten nun eingreifen und den DFB an die Grundsätze (s.o.) erinnern. Andere Sportarten zeigen deutlich, wie der Videobeweis problemlos verwendet werden kann. Man muss nur im Fußball den Willen aufbringen, auch mal von anderen zu lernen, statt in seiner eigenen selbstreferenziellen Fußball-Welt absurde Ideen zu realisieren…

Scheitert das ganze Projekt, sitzen wir noch in 10 Jahren da und ärgern uns weiter über für manch einen Verein ruinöse Fehlentscheidungen. Und der typische Funktionär und sein Fußball-konservatives Pendant auf den Rängen zuckt mit den Achseln und sagt »ja, so ist der Fußball…«. Aber so ist er nicht. Zumindest müsste er nicht so sein…

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