Ballkultur

Hornbostels Erben: Monumente des Provinzialismus

Sie erinnern sich vielleicht, wir hatten es kürzlich in dieser kleinen Traditionalismus-Watchblog-Rubrik von der chinesischen Bedrohung der armen Regionalliga Südwest. In diese kam heute eine neue Dynamik, vier Regionalligisten knickten ein und sprangen wieder ab, so dass nur noch eine »chinesische Bedrohung light« übrig bleibt. Außerdem haben wir noch eine Podcastempfehlung und ein eindrucksvolles musikalisches Meisterwerk…

[Foto: »夜間足球 Nighttime Soccer / 馬鞍山遊樂場 Ma On Shan Recreation Ground / SML.20130216.EOSM.02197« auf flickr, CC BY 2.0 von See-ming Lee, Creative Commons Attribution 2.0 Generic Licence, thanks!]

»China light« im Südwesten

Die Idee, eine chinesische U-20-Auswahl außer Konkurrenz in der Regionalliga Südwest mitspielen zu lassen, war bekanntlich sofort Zielscheibe des deutschen generalfrustrierten Fußballtraditionalismus. Einige »organisierte Fans« beteiligter Regionalligisten verfassten einen offenen Brief an den für die RL-Südwest zuständigen DFB-Vize Ronny Zimmermann. Da man ja ein bisschen mehr als »passt uns nicht, wollen wir nicht« schreiben musste, wurden alle möglichen Argumente (inkl. Unterstellungen bezüglich finanzieller Interessen des DFB und von Astoria Walldorf, sehr dünnes Eis…) zusammengeklaubt und schließlich noch die ganz große moralische Keule ausgepackt (Zitat):

»Außerdem wollen wir zu bedenken geben, dass der Ausbau der Kooperationen mit dem chinesischen Fußball auch weit über den Fußballkontext hinaus einige Fragen aufwirft. Die Volksrepublik China gilt nach wie vor als einer der autoritärsten Staaten weltweit, in dem Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt, Todesurteile massenhaft vollstreckt (Amnesty International schätzt, dass in China mehr Menschen hingerichtet werden, als in allen anderen Staaten weltweit zusammen), Menschen gefoltert, sowie zahlreiche Kritiker in Gefangenschaft genommen werden. Die Frage muss erlaubt sein, warum ausgerechnet mit einem solch menschenverachtenden Regime die Kooperation der Fußballverbände gestärkt werden soll? Überwiegen hier finanzielle Interessen gänzlich der Moral?«

Schrieben sie so dahin, mit einem Smartphone aus chinesischer Fertigung in der Tasche, und evtl. Sneakers aus chinesischer Fertigung an den Füßen. Die Moral ist eine gute Sache, man kann sie bei Bedarf aus der Schublade ziehen, wenn sie einem gerade nützlich erscheint…

Alles in allem ist dieser offene Brief ein bemerkenswertes Dokument. Er bestätigt wieder einmal die These: Nicht mal ein SPD-Ortsverein im Ruhrgebiet ist so konservativ wie der deutsche Fußball-Traditionalismus…

Aber es scheint zu wirken. Heute wurde bekannt, dass es nur »China light« in der Regionalliga Südwest geben wird. Denn vier Vereine haben, anscheinend auf Druck ihrer organisierten Fans, ihre ursprüngliche Zusage zurückgezogen.

Nun wird es ab November für jeden der 15 übriggebliebenen Regionalligisten ein Freundschaftsspiel gegen die chinesische U20 und 15.000 Euro geben. Wahrscheinlich waren die Chinesen einfach zu höflich, um sich mit den Worten »Entschuldigen Sie, dass wir Ihre provinzielle Idylle heruntergekommener Traditions- und Dorfvereine mit etwas Ungewöhnlichem belästigt haben, wir suchen uns was anderes…« einfach wieder aus der RL Südwest zu verabschieden…

Podcast

Unterhaltsamer als die China-Posse mit ihrem beschämenden Provinzialismus ist da schon ein Sommer-Podcast bei »drei90« mit dem schönen Titel »Lasst uns die Welt retten, sie hat es nicht anders verdient«. Protagonisten aus diversen Bundesliga-Podcasts setzten sich bei »drei90« zusammen und schwelgten in durchaus unterhaltsamer Weise im Fußballkulturpessimismus.

Erstaunlicherweise sahen sie die sportliche Qualität der Bundesliga sehr kritisch. Nur ziehen sie IMHO die falschen Schlüsse, indem sie »Beharren auf 50+1« als Lösung ausgaben. Die einzige europäische Top-Liga mit 50+1 produziert seit Jahren einen Abonnementsmeister und zunehmende Langeweile. Diese Liga ist auch in Europa die einzige, in der Konstrukte wie Leipzig und Hoffenheim in der Liga und da auch noch ganz vorne zu finden sind. Vielleicht besteht da ein Zusammenhang…

Nach etwa anderthalb Stunden geht ein wenig der rote Faden verloren und es wird etwas arg theatralisch-traditionalistisch, aber trotzdem: Hörempfehlung, eine kurzweilige Podcast-Runde!

Elegie des Monats

Die Elegie des Monats ist diesmal ein liebliches Liedchen. Ein Ruhrgebiets-Lokalrapper namens M.I.K.I. greift die faschistoid-militaristisch angehauchte Symbolik des Dresdner Einmarsches in Karlsruhe kürzlich beim Spiel gegen den KSC auf und erklärt ebenfalls dem DFB den Krieg:

»M.I.K.I - Krieg dem DFB«

Das Beste an diesem Video ist der groteske Typ bei ca. 2:34 Min. der, in Dresdner Camouflage gehüllt, mit sogar unter seiner Balaclava erkennbar grimmigen Gesichtsausdruck aus unbekannten Gründen einen LKW-Reifen auf dem Rücken trägt. Herrlich!

Mit diesem Song und diesem Video hat sich der Fußball-Traditionalismus nicht unbedingt einen Gefallen getan. Oder würden Sie, verehrte Leserinnen und Leser, das Anliegen eines Typen in Camouflage-Shirt, der einen LKW-Reifen auf dem Rücken trägt, ernst nehmen? Eben!

In diesem Sinne: Packen Sie sich einen alten Reifen auf den Rücken, schauen Sie grimmig, um dann weiterhin fröhlich am schönen Sport auf dem grünen Rasen zu verzweifeln …

Der Oldenburger Landwirtschaftsrat Ernst Hornbostel, von 1962 bis 1975 Vorsitzender des Norddeutschen Fußballverbandes, war schon 1963 Fußballkulturpessimist und befand angesichts der damals bevorstehenden Bundesliga-Einführung: »Ein ganzer Teil der Vereine, die heute mit stolzen Hoffnungen in die Bundesliga einziehen, werden bei Halbzeit ein schauerliches Erwachen erleben.« Ernst Hornbostel ist somit der Urahn des modernen Fußballkulturpessimismus, ihm zu Ehren heißt diese Rubrik »Hornbostels Erben«…

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