Ballkultur

Hornbostels Erben: 60 Minuten, und dann auch noch Chinesen!

Symbolfoto: Alles kaputt im Fußball! So wie hier das Bökelberg-Stadion während des Abrisses im März 2006.

Die Älteren unter Ihnen werden sich noch an Waldorf und Statler erinnern, die beiden Alten auf dem Theaterbalkon in der Muppet-Show, die an nichts und niemanden ein gutes Haar gelassen haben. Die beiden Plüsch-Herren sind offensichtlich das Role-Model für die Erregungskultur des deutschen Fußballtraditionalismus. Diesmal am Start: 60 Minuten Spielzeit, RBL in der CL und eine chinesische U20…


60 Minuten, Ihr spielt nur 60 Minuten…

Die Leute wissen in der Sommerpause anscheinend nix mit sich mit anzufangen. Deshalb regen sie sich alle drei Tage über irgendetwas den Untergang des Fußballs beschleunigendes »Schlimmes« auf. Was dann nach knapp 14 Tagen schon wieder den nächsten Blick in die Abgründe des real existierenden deutschen Fußballkulturpessimismus notwendig macht!

Am letzten, einem fußballsommerpausig-ruhigen Wochenende, kochte die Fußballvolksseele plötzlich hoch wie ein auf dem Herd vergessener Suppentopf. Was war nun wieder los?

Ein vom IFAB herausgegebenes Diskussionspapier für eine »Play Fair«-Strategy (Achtung, PDF!) war bekannt geworden. Von diversen Medien (der Journo an sich hat halt keine Zeit zu lesen und zu verstehen…) fälschlicherweise als »angekündigte Regeländerung« bekannt gemacht, sorgte es gleich für Aufruhr. Besonders der Diskussionsvorschlag (Diskussionsvorschlag, keine »angekündigte Regeländerung«!), die Spielzeit eines Fußballspiels zur Bekämpfung der latenten Spielverzögerei auf 60 Minuten reine Spielzeit zu ändern, erregte gleich die Gemüter. Ganz vorne dabei natürlich das Traditionsblatt Nr.1:

Sicher, geht in jedem Handball- oder Basketball-Spiel schon immer. Aber im Fußball natürlich undurchführbar. Aber auch die normale Fanseele kochte:

Es ist offensichtlich, dass einige diesen Vorschlag gar nicht verstanden haben. Denn es geht natürlich nicht um die Verkürzung der 90 Minuten auf deren 60, sondern um 60 Minuten reine Spielzeit. Was bei einer aktuell in der Bundesliga üblichen durchschnittlichen Spielzeit von 56 Minuten de facto eine Verlängerung der Spielzeit wäre.

Den Vogel schoss ein »Journalist« namens Tobias ab, der im Express flugs eine Tabelle der letzten Bundesliga-Saison nach 60 Minuten errechnete. Tobias ist ein armer Kerl, niemand in der Redaktion hat ihm den Unterschied zwischen »Verlängerung der Nettospielzeit auf 60 Minuten« und »Verkürzung der Bruttospielzeit auf 60 Minuten erklärt«…

Wenn man sich, statt gleich loszunöhlen, lieber einmal das Dokument der IFAB durchgelesen hätte, so wäre schnell klar gewesen, dass es hier um durchaus sinnvolle Ziele und Diskussionsvorschläge geht. Selbst die eher traditionalistisch angehauchte BVB-Fan-Site »schwatzgelb.de« hat das erkannt und kommt zu dem Schluss:

»(…) dieses Papier ist mutig und frisch, eine ernsthafte Diskussion über dessen Inhalt kann dem Fußball nur gut tun.«

Eines hat der Aufruhr aber mal wieder gezeigt: Nur ein SPD-Ortsverein im Ruhrgebiet oder einer der CSU in Niederbayern ist konservativer und fortschrittsfeindlicher als der Mainstream der Fußballfans…

RB Leipzig darf in die CL

Kurz drauf der nächste Aufreger! Durchaus erwartungsgemäß wurden RB Leipzig und RB Salzburg zur CL zugelassen, da die UEFA zu dem Schluss kam, dass die formalen Voraussetzungen im Sinne ihres Artikel 5 des Wettbewerbsreglements vorliegen. Dieser besagt:

»Keine natürliche oder juristische Person darf Kontrolle über oder Einfluss auf mehr als einen an einem UEFA-Klubwettbewerb teilnehmenden Verein haben (…)«

Dass das bei den beiden RB-Klubs tatsächlich so ist, darf man durchaus bezweifeln, ein Artikel bei 11 Freunde (war ja nicht alles schlecht bei 11 Freunde!) liefert diesbezüglich einiges an Stoff. Diese Zweifel hatte die UEFA ebenfalls. Nur sollte auch jedem klar sein, dass die UEFA nur nach belastbaren Fakten und nicht nach mehr oder weniger bewiesenen Indizien wie »pflegt dabei ausgiebige Business-Beziehungen zu Red Bull…« oder hat »Mitarbeiter, die für beide Vereine arbeiten« (s.o., 11-Freunde-Artikel) urteilen kann. Geschäftsbeziehungen zu Red Bull pflegt z.B. auch eine der Firmen des 11-Freunde-Herausgebers Hörstmann

Ein paar Tage vorher wurden auch die Champions-League-TV-Rechte ab 2018 neu vergeben und wanderten mit Sky und DAZN zu »kostenpflichtigen« Anbietern. Was sich deutsche Guckende bei Netflix für irgendeine Serie aus USA ohne mit der Wimper zu zucken für einen monatlichen Zehni herbei klicken, ist bei der Champions League ein veritabler Skandal. Die beste Fußball-Meisterschaft der Welt darf nix kosten, »Game Of Thrones« schon. Sogar das hanseatische Hausblatt des liberalen Kapitalismus, die gute alte »Zeit«, entdeckte plötzlich ihre antikapitalistische Ader:

»Es klingt platt, aber die Fans haben es in der Hand. Sie sind die Konsumenten, sie haben die Macht. Sie können ihre Ablehnung an der Stadionkasse artikulieren, und nun eben auch vor dem Fernseher. Indem sie ein Abo fürs Bezahlfernsehen abschließen oder eben nicht. (…) Fürs Fernsehschauen bezahlen und gleichzeitig Helene Fischer auspfeifen, weil der Fußball doch ach so kommerziell geworden ist, funktioniert dann nicht mehr. Fans können das Rädchen aufhalten.«

Die Chinesen kommen!

Okay, also »Rädchen aufhalten«. Und Champions League schauen »wir vom Fußballtraditionalismus« sowieso nicht. Lieber die guten ehrlichen Amateurligen besuchen, unterhalb des hässlichen kapitalistischen TV-Fußballs, wo nur noch das Geld regiert…

Aber dann, heute, das: »Regionalliga Südwest: Team Nummer 20 kommt aus China«

15.000 soll jeder Regionalligist dafür bekommen. Die FK Pirmasens, Absteiger durch das seltsame Timing des Insolvenzantrags von Hessen Kassel, findet das verständlicherweise doof. Nur werden da wie so oft Dinge miteinander vermischt, die nichts miteinander zu tun haben. Ich bin schon lange dafür, dass Vereine, die während oder vor der nächsten Saison insolvent gehen, grundsätzlich absteigen sollten.

Paradebeispiel für die unreflektierte Fußball-Wutbürger-Ablehnungsfront ist dieses Pamphlet einer »Interessengemeinschaft Unsere Kurve«, das einfach alles, was in der Regionalliga aktuell kritisch ist, in einen großen Topf wirft. Was die Integration der chinesischen U20 bis Olympia mit den Aufstiegsregelungen in die Dritte Liga zu tun hat, erschließt sich Lesenden auch nach mehrfacher Lektüre nicht…

Elegie des Monats

(Eigentlich ist es schon die zweite Elegie für diesen Monat, aber, wie die UEFA bei Red Bull, wollen wir das alles nicht so eng sehen…)

Für manch einen sind die ganzen bösen Dinge einfach zu viel des Schlechten, man kann die Kragen in der sommerlichen Hitze vor den vernetzten Endgeräten förmlich platzen sehen! So wie bei Thilo Huntemöller, der angesichts der nahenden »Endstation Fußballstrich« zum Aufstand aufruft:

»Die Instrumentalisierung des Fußballsports zu Marketing- und Profitmaximierungszwecken hat mittlerweile ein für viele Sportfreunde (mich eingeschlossen) untragbares Niveau erreicht. Ich finde, es ist Zeit für einen Aufstand. (…) … hier meine Tipps wie man den Fußball dem Marketinggott wieder entreißen kann:

  • geht nicht mehr ins Stadion und kauft keine Fanartikel;
  • lasst die Glotze aus wenn Fußball im TV läuft;
  • unterstützt mit den Geldmengen die ihr so spart Euren Amateurverein um die Ecke;
  • engagiert Euch ehrenamtlich beim Verein - lebt Fußball als ihn nur zu konsumieren.«

Ja. Nur ist auch der Amateurfußball nicht gar so frei von diesen Dingen (z.B. Dietmar Hopp nimmt die Frauenmannschaft nach Hoffene und baut dafür Sportplätze…), wie sich das so mancher in seinem Idealbild vom edlen Amateursport vorstellt. Die Vorstellung, man könnte einen Profisport wie Fußball in einer durch und durch kapitalistischen Gesellschaft von selbigem »rein« halten, hat in ihrer ganzen Naivität schon etwas Rührendes an sich…

In diesem Sinne: Fröhliches Verzweifeln am schönen Sport auf dem grünen Rasen…

Der Oldenburger Landwirtschaftsrat Ernst Hornbostel, von 1962 bis 1975 Vorsitzender des Norddeutschen Fußballverbandes, war schon 1963 Fußballkulturpessimist und befand angesichts der damals bevorstehenden Bundesliga-Einführung: »Ein ganzer Teil der Vereine, die heute mit stolzen Hoffnungen in die Bundesliga einziehen, werden bei Halbzeit ein schauerliches Erwachen erleben.« Ernst Hornbostel ist somit der Urahn des modernen Fußballkulturpessimismus, ihm zu Ehren heißt diese Rubrik »Hornbostels Erben«…

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