Ballkultur

Hornbostels Erben: Deadline-Day-Edition

Symbolfoto: Alles kaputt im Fußball! So wie hier das Bökelberg-Stadion während des Abrisses im März 2006.

Was für eine Enttäuschung! Es stand wieder der halbjährliche hektische letzte Tag der Transferperiode an, der berühmt-berüchtigte »Deadline-Day«. Und es gab dieses Mal anlässlich dieses hektischen Transfertreibens praktisch keine fußballkulturpessimistischen Betrachtungen zu lesen. Aber immerhin, die obligatorischen Vokabeln wie »Kaufrausch« und »Wahnsinn« wurden wenigstens aufgefahren!

Deadline-Day

Die ganz großen vom Deadline-Day getriggerten Elegien blieben dieses Mal aus, der vom Sommer 2015 bleibt in dieser Hinsicht unerreicht. Anscheinend haben sich mittlerweile viele daran gewöhnt, dass die Winter-Transferperiode auch für Transfers genutzt wird (Überraschung!).

In den meisten Ländern Fußball-Europas wird die Wintertransferperiode heutzutage genauso genutzt wie die im Sommer. Nur in Deutschland stehen Wintertransfers noch unter dem Verdacht, nur von im Sommer schlecht arbeitenden Vereinen genutzt zu werden und man ist (wie in Gladbach…) dann geradezu stolz darauf, »im Winter nichts zu machen«…

Exemplarisch für diese Sichtweise war die kicker-Talkrunde auf Eurosport. Einer der Gäste, der in Karlsruhe in vielerlei Hinsicht noch unvergessene Markus Schupp, sagte: »Im Grunde sind Winterverpflichtungen das Fehlerausmerzen des Sommers.« Ein weiterer Gast, der ehemalige Waldhof-Trainer Klaus Schlappner, meinte über die Einkäufe der chinesischen Liga: »Das ist bekloppt und bescheuert, was da passiert.«

In der FAZ wird ein »Kaufrausch« in England und China konstatiert und festgestellt: »In der Fußball-Welt werden die für Profis bezahlten Summen immer verrückter.«

Im Handelsblatt sieht man das anders: »Die Manager im Fußball sind weder in einem ›Kaufrausch‹ noch ›verrückt‹.« Vielmehr käme es zu immer höheren Ablösesummen, weil einfach (durch die TV-Gelder in England und der von viel Geld begleiteten Fußballoffensive aus China) mehr Geld im Spiel ist. Simple Ökonomie…

Der Tagesspiegel entdeckt die im internationalen Fußball übliche »Normalität« der Wintertransferperiode langsam auch in Deutschland. Zu Recht, denn man kann z.B. die Transfers von Isak zum BVB oder von Bailey zu Bayer Leverkusen wohl kaum als »Fehlerausmerzen des Sommers« bezeichnen…

Aber so ganz ohne Elegien blieb der Deadline-Day dann doch nicht. »Der Panenka« entdeckt mit einer etwas kruden Argumentation anlässlich des »Deadline-Days« (aber eigentlich überhaupt und immer) eine »Entfremdung« des Fußballs und stellt die steile These auf, es seien im Winter keine »gestandenen Profis« zu bekommen, weil die ja alle schon in England unter Vertrag stünden. Fazit:

»Der Identifikationsverlust im Fußball ist hausgemacht und die Inszenierung des Deadline-Days stellt die entsprechende mediale Perversion dar.«

Und richtig abgekotzt hat ein Kollege des Mannheimer Morgens, der in seinem Rundumschlag zu dem Schluss kommt:

»Das alles ist verrückt, absurd und aberwitzig, gehört aber mittlerweile zum ohnehin realitätsfernen Fußball-Geschäft, in dem der Verweis auf den ganz normalen Wahnsinn praktisch alles rechtfertigt. Verstehen muss man das trotzdem nicht.«

Argumentativ überzeugend ist was anderes, da waren die Elegien im Sommer 2015 intellektuell und argumentativ doch ganz andere Kaliber. Verehrte Fußballkulturpessimisten, ich muss Sie doch bitten sich etwas mehr Mühe zu geben…

Elegie des Monats

Unabhängig vom Deadline-Day sind die besten fußballkulturpessimistischen Ergüsse natürlich die, in denen sich jahrelange Fußballfans ob der Schlechtigkeit des ehemals geliebten Sports mit großer Geste und vielen Worten vom Fußball verabschieden. Ein diesbezügliches Prachtexemplar gibt es auf der BVB-Fansite »Schwatzgelb« zu entdecken: »Macht's gut und vielleicht auf Wiedersehen«. Zitat:

»Es bricht mir das Fußballherz, eine Sache, ein Konstrukt wie RB Leipzig in den Tabellen des deutschen Profi-Fußballs sehen zu müssen. Dann ist da noch China hier und China dort. Und die Premier League. Und all die wilden Pläne einer Super League der Super League der Super League. Schöner. Besser. Reicher. Wer dann wie den Ball kickt, ist letztlich doch völlig egal, wenn eh nur noch alles Gold ist, was glänzt.«

Und:

»Die letzten Wochen und Monate habe ich mir sehr viel US-Sport angeschaut, vorrangig American Football und Basketball. Ich war auch in Hamburg bei einigen Basketball Zweitliga-Partien zu Gast. Macht Spaß.«

In jeglicher Hinsicht ein Longread, pures fußballkulturpessimistisches Gold. Legen Sie sich ein Paket Papiertaschentücher bereit, bevor sie diese Elegie lesen und mit Autor Tim am schrecklichen Zustand unseres geliebten Sports leiden…

Der Oldenburger Landwirtschaftsrat Ernst Hornbostel, von 1962 bis 1975 Vorsitzender des Norddeutschen Fußballverbandes, war schon 1963 Fußballkulturpessimist und befand angesichts der damals bevorstehenden Bundesliga-Einführung: »Ein ganzer Teil der Vereine, die heute mit stolzen Hoffnungen in die Bundesliga einziehen, werden bei Halbzeit ein schauerliches Erwachen erleben.« Ernst Hornbostel ist somit der Urahn des modernen Fußballkulturpessimismus, ihm zu Ehren heißt diese Rubrik »Hornbostels Erben«…

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