Ballkultur

Hornbostels Erben: Carlos Tevez und die Übersättigung

Symbolfoto: Alles kaputt im Fußball! So wie hier das Bökelberg-Stadion während des Abrisses im März 2006.

Es sind wohl diese in vielerlei Hinsicht finsteren Zeiten! Wie schon im Jahresrückblick 2016 angemerkt, der Fußballkulturpessimismus ist im Diskurs rund um das schöne Spiel auf dem grünen Rasen ein ganz heißes Ding. Die German Angst hat seit dem letzten Jahr endgültig auch den Fußball erreicht. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht in einem Artikel das Ende und der Untergang des Fußballs, wie wir ihn kennen, heraufbeschworen und beklagt wird.

Dystopisches Denken über neue Entwicklungen im Fußball hat hierzulande eine lange Tradition. So stand schon im Spiegel Nr. 35/1963 kurz nach der Einführung der Bundesliga zu lesen:

»Der Oldenburger Landwirtschaftsrat Ernst Hornbostel, Vorsitzender des Norddeutschen Fußballverbandes, sann nach über die kommerzielle Bundesliga-Zukunft und fand: ›Ein ganzer Teil der Vereine, die heute mit stolzen Hoffnungen in die Bundesliga einziehen, werden bei Halbzeit ein schauerliches Erwachen erleben.‹«

Ernst Hornbostel ist somit der Urahn des modernen Fußballkulturpessimismus, ihm zu Ehren soll diese Rubrik fortan »Hornbostels Erben« heißen!

Deshalb startet dieses kleine Blog nun eine neue Artikelreihe, die in unregelmäßigen Abständen die neuesten fußballbezogenen Dystopien und Elegien sammelt und der geneigten Leserschaft zur gruseligen Unterhaltung präsentiert…

German-Football-Angst

Ich weiß nicht ob es an meiner ganz persönlichen Fußball-Filter-Bubble liegt, aber es fällt auf, dass diese Elegien über den modernen Fußball vor allem ein deutsches Phänomen sind.

Der diesbezügliche Höhepunkt war 2016 die brillante 11Freunde-Titelgeschichte »Der Untergang des Fußballs«. Dessen Kernthese war: Der Fußball ist ein hoffnungsloser Fall, deshalb wird es ihn in Zukunft zweimal geben. Einmal die »Großen« in einer Europa- oder gar Weltliga, und der »Rest« spielt seine nationalen Wettbewerbe.

Exkurs: Daran mag ich nicht glauben. Regelmäßige ganzjährige Spiele gegen RSC Anderlecht oder (im Falle einer Weltliga) gar gegen Boca Juniors oder Guangzhou Evergrande sind zum einen organisatorisch kaum zu bewältigen und würden zum anderen dauerhaft niemanden interessieren, so dass mit dem nicht gewährleisteten kommerziellen Erfolg der primäre Zweck dieser Unternehmung verfehlt würde.

Vielleicht ist die »German-Football-Angst« auch nur so ausgeprägt, weil gerade in der Bundesliga aktuell die Fehlentwicklungen der letzten Jahre besonders deutlich zu sehen sind. Mit dem Bundesliga-Spitzenspiel RedBull Leipzig vs 1899 Hoffenhein gibt es am kommenden Wochenende den diesbezüglichen Höhepunkt im Vereinsfußball ausgerechnet in der als Hort der Fußballkultur beschworenen Bundesliga zu sehen. Das ist ja schon eine gewisse Ironie der Fußballgeschichte…

Der deutsche Fußball, mit seinem von Traditionalisten gepriesenen Sonderweg »50+1«, hat eine Liga mit Leipzig, Hoffenheim oder Wolfsburg geschaffen, die in den letzten Jahren dann auch noch mit einer ermüdenden Bayern-Dominanz langweilte. Die von ihrem Beginn 1888 an kommerziell organisierte englische Liga hingegen ist (dank exorbitanter TV-Gelder) relativ ausgeglichen und ermöglichte (immerhin!) eine Meisterschaft von Leicester City.

Und vor allem: Man findet dort keine Konstrukte wie RedBull oder Hoffenheim in der Liga. Wie auch nicht in Spanien, Italien oder Frankreich. Nicht dass das nicht versucht worden wäre, wie z.B. beim FC Évian Thonon Gaillard in der Ligue 1. Aber richtig funktioniert hat es nur in Deutschland. Vielleicht sollte man sich hierzulande eher mal darüber Gedanken machen statt bei jeder Meldung von chinesischen Ablösesummen oder englischen TV-Geldern eine wortreiche Elegie anzustimmen…

Aber zu ausführlich wollen wir hier in der Abteilung Fußballkulturpessimismus in der Hinsicht nicht werden, denn das wurde vor einem Jahr bereits einmal erledigt.

»Es gibt zu viel Fußball«

Ein beliebtes Thema des zeitgenössischen Fußballkulturpessimismus ist die Klage über »zu viel Fußball«. Der Mainzer Fußballprofi Stefan Bell (lt. kicker ein »reflektierter Spieler«) klagte kürzlich im Kicker:

»Ich bin mittlerweile oft an dem Punkt, wo ich keine Lust mehr habe, mir Fußball anzusehen.«

Und »Aktives Abseits« schrieb zu Beginn des Jahres 2017:

»Der Fußball steht am Scheideweg. Die TV-Quoten sind weiter einzigartig, und doch scheint der Zenit des Spiels bereits überschritten. Weniger wäre in Zukunft mehr.«

Diesen Statements liegt das Missverständnis zu Grunde, dass es eine erstrebenswerte Tugend sei, geradezu eine Pflicht, alles was angeboten wird auch zu gucken. Dem ist aber nicht so. Vielmehr ist es so, dass wir am Fußball Interessierten heute in einem Paradies leben. Dank Sparten-Fernsehen und Internet-Diensten wie DAZN oder Laola1 haben wir jederzeit eine Auswahl und können uns aussuchen, was wir sehen möchten.

Was war denn früher, als es weniger zu sehen gab? Die ÖR sendeten ab und an ein Livespiel als »Höhepunkt«, und das war dann (natürlich!) Bayern München oder die deutsche Nationalmannschaft. Das kann sich doch niemand ernsthaft zurück wünschen. Die Möglichkeit, mir lieber ein Mittelfeldduell der schottischen Liga anzuschauen statt darauf zu warten, bis die ARD Bayern zeigt, ist großartig und eine Errungenschaft unserer Zeit!

Der Fußballkulturpessimismus konnte mir noch nicht plausibel erklären, warum denn »weniger Fußball« toll sein soll…

Die chinesische Gefahr

Aktuell ein heißes Thema, wenn es um den Untergang des Fußballs geht: Die chinesischen Ablösesummen. Carlos Tevez spielt nun für Shanghai Shenhua, bekommt dafür 109.589 Euro am Tag! Für den deutschen Fußballkulturpessimismus eine klare Sache: »Das Gehalt beweist, dass der Markt seine letzten moralischen Fesseln verloren hat.« (Die Welt). Als ob »er« je welche besessen hätte…

Natürlich sind das exorbitante übertriebene Summen, aber sie sind das Resultat einer besonderen Marktsituation, die nicht von langer Dauer sein wird, denn der chinesische Verband möchte schon die Gehälter begrenzen. Folgende Texte liefern Hintergründe zur chinesischen Liga die über moralisierende Betrachtungen hinaus gehen:

Am Horizont

Soweit die erste Runde. Die nächste kommt bestimmt, denn in der kommenden Woche dräut mit dem letzten Tag der Wintertransferperiode wieder der »Deadline Day«, der traditionell die üblichen Verdächtigen zu Höchstleistungen anstachelt

Der Oldenburger Landwirtschaftsrat Ernst Hornbostel, von 1962 bis 1975 Vorsitzender des Norddeutschen Fußballverbandes, war schon 1963 Fußballkulturpessimist und befand angesichts der damals bevorstehenden Bundesliga-Einführung: »Ein ganzer Teil der Vereine, die heute mit stolzen Hoffnungen in die Bundesliga einziehen, werden bei Halbzeit ein schauerliches Erwachen erleben.« Ernst Hornbostel ist somit der Urahn des modernen Fußballkulturpessimismus, ihm zu Ehren heißt diese Rubrik »Hornbostels Erben«…

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