Matchday

Nullnummer zum Auftakt: SV Darmstadt 98 vs Borussia Mönchengladbach 0:0 – 21.1.2017

Darmstadt 98 vs Borussia 0:0

Deutschland ist das Fußball-Land, in dem am lautesten über die angebliche »Belastung« gejammert wird, obwohl es mit der kleinsten Liga aller Top-Fußball-Nationen dem kickenden Personal die üppigsten Sommer- und Winterpausen gönnt. Nicht dass das für den Fußballfan ein großes Problem wäre. Die anderen europäischen Topligen liefern genug guten Fußball, so dass man gar nicht erst in Versuchung kommt, die zähen Bundesliga-Pressing-Orgien groß zu vermissen. Und dank DAZN und Laola1.tv ist man auch hierzulande live dabei.

Einen Nachteil hat die Winterpause allerdings: Man kommt ohne größeren Reiseaufwand nicht ins Stadion. Also wurde es irgendwie doch höchste Zeit, dass auch in Deutschland die Profi-Fußballer wieder ihrem Beruf nachgehen. Und so konnte es nach 1 Monat und 3 Tagen Pause endlich wieder hinaus ins Stadion gehen, nämlich zum Neu-Trainer-Tabellenkeller-Gipfel zwischen Darmstadt 98 und Borussia Mönchengladbach. Die sich in einem lausigen Spiel 0:0 trennten. Aber immerhin: Es gab einen schönen Wintersonnentag und einen neuen Ground…

Winterpause

Nach dem Trainerwechsel von Schubert zu Hecking gab es bei Borussia die üblichen Erscheinungen im Abstiegskampf zu bewundern. Nach einer kurzen Phase der Selbstkritik ging es ins Trainingslager nach Spanien, bei dem sich Verein (via Social Media) und nahestehende Medien alle Mühe gaben, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Es war nun »wieder Zug drin«. Der große Trainingslager-Optimismus fand aber ein jähes Ende, als sich die Fohlenelf bei der »Generalprobe«, dem Telekomcup in Düsseldorf, von der gastgebenden Fortuna vorführen ließ.

Gegner Darmstadt hatte (wie alle 7 Teams am Tabellenende) auch schon den Trainer gewechselt und überraschte mit der Verpflichtung des »Cheftrainer-Neulings« Thorsten Frings. Dieser wollte nach dem Irrweg mit Norbert Meier wieder zurück zu den »Darmstädter Tugenden« der Vorsaison. Jene hatten vor gut einem Jahr zu einem ziemlich großartigen Spiel zwischen den beiden Kontrahenten im Borussia-Park geführt. Und das letzte Aufeinandertreffen im Mai war der letzte und einzige Auswärtssieg der Fohlenelf in der Bundesliga in den letzten 15 Monaten…

Bölle

Für das Ende der Winterpause hatte sich die Bundesliga ein ziemlich kaltes Winter-Wochenende ausgesucht. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ging es in das letzte »Old-School-Stadion« der Bundesliga, dem Jonathan-Heimes-Stadion am Böllenfalltor. Und was für ein großartiges Stadion das ist. Im Zeitalter der Einheitsstadien am Stadtrand (Modell »groß« oder »klein«) ist es ein gerade erfrischendes Relikt aus der guten alten Zeit der Bundesliga. Das kalte aber sonnige Winterwetter sorgte im ausverkauften (17.400 Zusehende) Bölle für eine großartige Atmosphäre, zumal das Spiel am Samstag nachmittag in den winterlichen Sonnenuntergang hinein lief.

SV Darmstadt 98 vs Borussia 0:0

Der Gästeblock war wie immer prall gefüllt von den Fans der Borussia. Und alle fragten sich, wie die Mannschaft im ersten Spiel unter Dieter Hecking auflaufen würde.

Nun, das tat sie in einer »konservativen« 4-4-2-Formation, die Zeit der Schubertschen Taktik-Versuche ist erwartungsgemäß beendet. Und überraschend mit Jonas Hofmann in der Startelf auf dem rechten Flügel. Ebenso überraschend saßen mit Simakala, Bénes und Sow drei junge Nachwuchskicker auf der Ersatzbank.

Das Spiel startete lebhaft. Borussia erweckte den Eindruck, sich etwas vorgenommen zu haben. In den ersten 10 Minuten berannte die Elf vom Niederrhein entschlossen das Darmstädter Tor. Jonas Hofmann (!) trieb immer wieder den Ball über den rechten Flügel, hatte selbst eine hervorragende (vom Darmstädter Keeper Esser gut parierte) Torchance und legte eine weitere für Raffael auf, der freistehend vor dem Tor relativ kläglich vergab.

Unerklärlicherweise schaltete die Fohlenelf nach 15 Minuten einen Gang zurück. Die Lilien standen nach der Unruhe zu Beginn zunehmend besser in der Abwehr und die Borussia zeigte wieder das aus der Hinrunde hinreichend bekannte behäbige Mittelfeldspiel, das die Darmstädter Abwehr vor keinerlei größere Probleme stellte. So plätscherte das Spiel ereignislos Richtung Halbzeit, im Gästeblock unterhielten sich die Fans über Themen wie die Stärke der eigenen Sehhilfen…

Nach der Pause verlief die 2. Halbzeit ähnlich. Nach einer guten Chance von Wendt in der 48. Minute ging es zurück in den von der ersten Hälfte bekannten Trott. Das Spannendste war noch die prächtige Kulisse des Bölle, in dem während der zweiten Halbzeit die Wintersonne spektakulär hinter der Tribüne unterging…

Auf den Rängen beschäftige man sich mit Getränken, ein unverdrossener Fan besang kontinuierlich die Tatsache, dass Borussia die Nummer 1 in Preußen sei. Und ein etwas gelangweilter Fußball-Blogger machte ein Foto nach dem anderen…

Thorgan Hazard war es schließlich, der die Konzentration wieder auf das Spiel zurück lenkte. In der 66. Minute hatte er genug von dem wenig zielstrebigen Gekicke und rannte mit einer feinen Einzelleistung auf das Darmstädter Tor zu, traf aber bei seinem Abschluss nur den Pfosten. Das war die schönste Aktion des Tages, die sicher ein Tor verdient gehabt hätte.

Je tiefer die Sonne hinter der Tribüne verschwand, desto munterer wurden die Lilien. Sie lockerten ihr Abwehrbollwerk ein wenig und orientierten sich Richtung Borussia-Tor. Das sah meistens so aus, dass ein langer Ball auf den bekanntermaßen ziemlich schnellen Heller auf den rechten Flügel gespielt wurde. Dieser rannte los, fand aber in der Regel keine Anspielstation vor dem Tor…

Da ist es nicht verwunderlich, dass die einzige Torchance der Lilien nach einer Ecke zu verzeichnen war. Aber Kapitän Sulu köpfte genau Yann Sommer an…

So endete ein sehr bescheidenes Bundesliga-Spiel verdientermaßen 0:0. Die Fohlenelf holte sich den zweiten Auswärtspunkt der Saison (am 17. Spieltag…), die Lilien punkteten erstmals nach einer Negativserie von acht Niederlagen hintereinander.

Etwas Positives gab es aber auch zu vermelden: Mit Ba-Muaka Simakala (der uns ja schon im Sommer beim Testkick in Mannheim angenehm aufgefallen war) feierte endlich mal wieder ein »Eigengewächs« sein Bundesliga-Debüt und fiel, so weit das halt in 10 Minuten in einem schwachen Spiel möglich ist, durchaus positiv auf. Den Namen dürfen Sie sich merken, verehrte Leserinnen und Leser…

Die Fans im Gästeblock verabschiedeten die Spieler mit einem freundlich-verhaltenen Applaus. Nur eine Rotte Gästeblockrentner war nicht gar so begeistert und drückte lautstark ihr Missfallen aus…

Fazit: Ein fußballerisch sehr bescheidener Auftritt, Aufbruchstimmung für die Rückrunde ist etwas anderes. Aber immerhin gab es einen neuen Ground, die Sonne schien und ich war endlich mal im letzten »fußballromantischen« Stadion der Bundesliga…

  • kicker-Spielbericht. Erstaunlich gute Noten für den doch recht bescheidenen Auftritt.
  • Seitenwahl – Ein ganz normales 0:0. Nicht so übermäßig begeistert: »Etwaige Erwartungen, der neue Trainer könnte die Mannschaft unverzüglich wieder zu einem Spitzenteam formen und mit einer fulminanten Rückrunde den Angriff auf die Plätze zur Europa League starten, sollten nun endgültig als naive Träumereien entlarvt worden sein.«
  • Spielverlagerung – Verhaltenes Doppel-Debüt. »Insgesamt führte das alles letztlich oft dazu, dass Gladbach die vertikalen Räume vor der teils massiv besetzten tiefen Darmstädter Linie kaum mal mit Ruhe kontrolliert bekam und sich dann auch nie wirklich nachhaltig aus diesen unangenehmen Zuordnungen zwischen den Grundformationen lösen konnte. Diesbezüglich kamen dabei auch wiederum Rückwirkungen der eher losen Kohärenz innerhalb der Sechser im Aufbau hinzu.« Immer wieder erstaunlich, was man in einem bescheidenen Wintersonnenkick alles gesehen haben will…
  • 11Freunde – Euphorie verpufft. »Nein, Hoffnungen oder gar Träumereien dürfte diese Partie bei den Gladbacher Fans nicht wecken. Die Neujahrseuphorie dürfte bei den meisten Fohlen-Fans sogar bereits verpufft sein.«
  • Sueddeutsche – Grübelnde Debütanten. »Aber in welche Richtung ging dieser Schritt für die Borussia, nach vorne oder doch eher zurück?«
  • Tagesspiegel – Nur 0:0 in Darmstadt: Aufbruch geht anders. Die überregionalen Medien sehen den »Aufbruch« in Gladbach deutlich kritischer…

Die Lage

Mit dem einen Zähler beendet die Fohlenelf eine Hinrunde, die man als Champions-League-Teilnehmer begann, mit sehr bescheidenen 17 Punkten auf Tabellenrang 14. Borussia gewann nur viermal, erzielte lediglich 15 Tore. Und in Auswärtsspielen sogar nur deren 3(!). Eine mehr als bescheidene Bilanz, die an selbige der Absteigermannschaft 2006/07 erinnert. Diese hatte nach der Hinrunde Ende 2006 zwar zwei Punkte weniger, aber ebenfalls nur viermal gewonnen und 13 Tore erzielt. Und hatte damals auch zwei glorreiche Auswärtspunkte eingefahren, immerhin aber dabei 5 Tore erzielt.

Die Parallelen sind offensichtlich. Damals hatte man übrigens auch in den Haus-und-Hof-Medien das erfolgreiche Trainingslager abgefeiert. Man muss nicht so weit gehen wie das Fohlenblog (»Deshalb bin ich zu 99 Prozent sicher, dass wir 2017 zum dritten Mal aus der Bundesliga absteigen.«), aber man sollte das auch nicht zu leicht nehmen. Schon so mancher hielt sich für »zu gut« und spielte dann plötzlich am Montag auf Sport1…

Zumal SpoDi Max Eberl offensichtlich der Ansicht ist, dass der Kader, der in der Hinrunde nur 15 Tore schoss, eigentlich gut ist und deshalb ebenso offensichtlich keinerlei Transferaktivitäten zur Behebung der Schwachstellen vornehmen möchte.

Dabei könnte die Borussia eine Blutauffrischung im Angriff, der personell seit Sommer 2015 unverändert ist und offensichtlich nicht mehr funktioniert, ebenso vertragen wie im zentralen Mittelfeld. Kramer war defensiv ordentlich unterwegs, aber offensiv fast wirkungslos. Dahoud gelang kaum etwas, und dazu hatte er eine Zweikampfbilanz von unglaublichen 7%(!). Normalerweise hätte man ihn zur Pause auswechseln müssen.

Selbst gegen den Tabellenletzten Darmstadt war die Mittelfeldzentrale der Borussia ein »Loch«. Hazard, Raffael und Stindl mussten ständig im Mittelfeld herumturnen, damit sie auch mal einen Ball sahen und fehlten dann im Angriffszentrum als Anspielstation für die Flügelleute. Und grundsätzlich ist das Spiel ohne echten Stürmer auch sowas von 2012. Gerade der »Hecking-Style« der letzten Jahre hatte praktisch immer einen echten Mittelstürmer am Start…

Impressionen

Zum Abschluss noch ein paar Fotos aus dem großartigen »Bölle«.

Flutlicht!

Der Gästeblock in der untergehenden Sonne…

gladbach bundesliga darmstadt98 saison-2016-2017

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