Neues aus Schottland #14: Nationalteam-Tristesse reloaded, Celtic auf Meisterkurs und drei gehaltene Elfer in 23 Minuten…

Spielbetrieb

Neues aus Schottland Es wird mal wieder Zeit, einen Blick nach Schottland zu werfen! Dort gibt es nach den WM-Quali-Spielen dieser Woche mal wieder eine große Nationalteam-Tristesse und Nationaltrainer Gordon Strachen steht unter Feuer. Außerdem wird Celtic schon nach sieben Spieltagen zum Meister ausgerufen, ist bei den Rangers mal wieder ordentlich Unruhe und hielt Dundee Uniteds Torhüter drei Elfmeter innerhalb von 23 Minuten…

Ohne Schottland fahr‘n wir zur WM?

Nach der Nicht-Qualifikation für die EM (als einziges Team von den britischen Inseln) haben in der aktuellen Länderspielpause die Hoffnungen Schottlands, bei der nächsten WM 2018 wieder dabei zu sein, einen herben Dämpfer erhalten. In zwei fürchterlich anzuschauenden Spielen gelang daheim im Glasgower Hampden Park am Samstag nur ein müdes 1:1 gegen Litauen. Und Dienstag, auswärts in der Slowakei, setzte es mit 0:3 sogar die höchste Niederlage für das schottische Team seit sieben Jahren.

Nationaltrainer Gordon Strachan steht schon nach dem dritten Spieltag im Kreuzfeuer der Kritik. Seine Personalauswahl mutet seltsam an. Trotz der Erfahrungen aus der EM-Quali hat er noch stets eine Vorliebe für mediokres Personal aus der englischen Zweiten Liga.

So saß z.B. Celtics Topscorer Leigh Griffiths auf der Bank. Dafür durfte Chris Martin (nein, nicht der von Coldplay!) ran, von Derby County an Fulham ausgeliehener in der aktuellen Saison noch torloser Stürmer. Griffiths kam dann beim Stand von 0:3 nach 60 Minuten…

Shootingstar Oliver Burke von RB Leipzig wurde für das zweite Spiel sogar aus dem Kader gestrichen.

»Pundit« und Ex-Celtic-Spieler Chris Sutton vermutet sogar, dass Strachan schon keine Lust mehr hat und auf seinen Rauswurf wartet:

»He has been rude, he's been cantankerous and I just feel he doesn't want to be there any more and he is showing that in every interview. […] That's his body language and I think he wants out.«

Prognose: In der nächsten Länderspielpause im November spielt Schottland bei Gruppengegner England, nach der zu erwartenden Pleite wird es einen Trainerwechsel geben. Zumal die ersten Rücktrittsgerüchte schon unterwegs sind…

Die Liga

Celtic schon auf Meisterkurs

In der großen ballreiter-Schottland-Saisonprognose hatten wir es ja geahnt: Meister wird auch in dieser Saison nur Celtic werden. Die Bhoys treten derartig überlegen auf, dass kaum jemand Zweifel hegt, dass es »Six-in-a-row« werden. Aus 7 Spielen stehen 6 Siege und ein Unentschieden zu Buche. Schon am 4. Spieltag nahm sich Celtic mit Vizemeister Aberdeen den auch aktuell wieder Zweitplatzierten zur Brust und schoss sie mit 4:1 aus den Celtic-Park:

In der Woche drauf war dann der vermeintliche (zumindest nach den unrealistischen Erwartungen der nicht-so-Fach-Presse hierzulande) alte neue Hauptkonkurrent »Sevco« Rangers an der Reihe. In einem ausverkauften und stimmungsvollen Celtic-Park gab es ein Fest für alle, die es mit der grünen Seite Glasgows halten. Denn mit 5:1 wurden die Rangers abgeschossen und in die andere Seite Glasgows zurückgeschickt:

Insbesondere Neuzugang Moussa Dembélé (kam über Fulham aus der Jugend von PSG) drehte groß auf und schoss die Rangers mit einem Dreierpack fast im Alleingang ab. Er bereitet den Celtic-Fans besondere Freude, schoss in 17 Pflichtspielen schon 12 Tore und ist eine definitive Bereicherung für das in der letzten Saison mitunter etwas träge Offensivspiel der Bhoys.

Da sich Celtic ansonsten (bis auf das 2:2 am Loch Ness bei Inverness) keine Ausrutscher leistete, verkündete z.B. die schottische Stürmerlegende Kenny Dalglish bereits das Ende des Meisterschaftsrennens:

»The richest clubs don’t always win but you can almost give Celtic the championship now this season. Without being complacent, the thing is over.«

Ansonsten sieht die Tabelle der Scottish Premiership nach 8 Spieltagen (Celtic hat ein Spiel weniger) fast genau so aus, wie sie hier im Blog in der Saisonprognose vorhergesagt wurde. Hier ist halt die Kompetenz für schottischen Fußball zu Hause. ;-) Oder aber (der wahrscheinlichere Grund): Die Scottish Premiership ist doch recht vorhersehbar, aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen und sonstigen Gegebenheiten ist die tabellarische Region, in der ein Verein landen wird, relativ stark vorgegeben.

Überraschend ist eigentlich (zumindest für die in der Presse verbreiteten Erwartungen an die Rückkehr eines »Old-Firm«-Kampfes um die Meisterschaft) nur, welche Schwierigkeiten die Rangers haben.

Der Rangers-Fehlstart

Dass die Rangers-Neugründung »Sevco« nicht ernsthaft um die Meisterschaft mitspielen würden, war eigentlich sowieso klar. Celtic ist in Rangers vier Krisenjahren in jeder Hinsicht, besonders ökonomisch, davon gezogen.

Normalerweise sanieren sich Klubs, die bankrott gehen und nach Lizenzentzug unten neu anfangen müssen, bei ihrem Marsch durch die unteren Ligen so, dass sie, wenn eine Rückkehr gelingt, wenigstens schuldenfrei sind. Nicht so die Rangers, alleine im Geschäftsjahr 2015 fuhr man 9 Millionen Pfund Verlust ein und sitzt aktuell auf einem Schuldenberg von 29 Millionen Pfund

Nach der Klatsche gegen Celtic (s.o.) setzte bei Neo-Rangers ein sportlicher und »disziplinarischer» Verfall ein. In den folgenden drei Spielen gelang nur noch ein Sieg (2:0 gegen den Tabellenletzten und »kleinen« Lokalrivalen Partick Thistle) und somit befindet man sich aktuell im oberen Mittelfeld auf Rang 5.

Gegen Rangers doch sehr simplen Spielstil – mit Tempo gegen den Gegner anrennen, Ball nach vorne, hinterher und Flanken schlagen – können sich die Gegner in der ersten Liga offensichtlich recht effektiv wehren.

Dazu kommen die (durchaus zu erwartenden) Probleme mit dem scheinbar prominentesten Sommer-Neuzugang, dem »Enfant Terrible« Joey Barton. Nach der Celtic-Klatsche gab es im Training Auseinandersetzungen mit Mitspielern und Trainer Mark Warburton, die in einer dreiwöchigen Suspendierung und einigen Medienaufregern endeten, denn Joey Burton ist in Social-Media und der Presse ausgesprochen mitteilungsfreudig. Und während dieser Suspendierung wurde bekannt, dass Barton verbotenerweise 44 Sportwetten abgesetzt hat und nun auch eine Sperre vom schottischen Fußballverband erwarten darf

Und sonst?

Wie gesagt, die Positionen des Rests der Liga waren so zu erwarten. Bemerkenswert ist aber trotzdem, dass »the heart and soul of Edinburgh«, Heart of Midlothian, auch in der zweiten Saison nach dem Wiederaufstieg keine Schwäche zeigt und trotz der peinlichen Europapokal-Quali-Schlappe gegen ein Team aus Malta wieder gut in die Saison gestartet ist. Derzeit liegen sie einen Punkt hinter Aberdeen auf Rang 3. Besonders das 5:1 gegen Inverness am 3. Spieltag im heimischen Tynecastle war eine glorreiche Gala:

Hearts sind der Gegenentwurf zu den Neu-Rangers. Nach einer Insolvenz wg. windiger Investoren aus Osteuropa mussten sie (wg. 15 Punkten Abzug) 2014 in die Zweite Liga absteigen, stiegen aber sofort wieder auf und wurden von der Edinburgher Internet-Unternehmerin Ann Budge finanziell wieder auf gesunde Füße gestellt. Hearts können es sich sogar leisten, im nächsten Jahr das Stadion zu erweitern. Und Ann Budge will im Laufe der nächsten fünf Jahre den Verein in die Hand einer von Fans finanzierten Stifung, der »Foundation Of Hearts«, übergeben. Es geht also auch anders…

Am Tabellenende befinden sich die erwarteten Kandidaten Partick Thistle und Kilmarnock. Es scheint aber auch so zu sein, dass sich Hamilton Accies und der FC Dundee Sorgen machen müssen, alle vier haben erst einen Sieg. Würde FC Dundee absteigen, wäre das innerhalb eines Jahres der totale Erstligakahlschlag für Dundee, denn der frisch abgestiegene Lokalrivale Dundee United findet sich in der zweitklassigen Championship zu Beginn eher schlecht zurecht…

Dundee United in der Championship

Was uns zu des ballreiters heimlicher Schottland-Liebe Dundee United führt. Diese startete mit dem neuen Trainer Ray McKinnon schleppend in die Zweitligasaison. In acht Partien gelang erst ein Auswärtssieg, und auch daheim in Tannadice tat man sich mit zwei Unentschieden aus 4 Spielen schwer. Was aber wahrscheinlich normal ist, nach dem Abstieg wurde neben dem Trainer auch fast der ganze Kader ausgetauscht.

Aber immerhin sorgte United beim bisher einzigen Auswärtssieg, dem 3:1 bei Dunfermline Athletic, für Furore. Denn dem neuen Torhüter Cammy Bell gelang in dem Spiel das Kunststück, innerhalb von 23 Minuten drei Elfmeter zu halten:

United befindet sich tabellarisch im Bereich der Plätze für die Play-Off-Aufstiegsrunde. Man darf die Hoffnung haben, dass es noch ein wenig nach oben geht, wenn sich das neuformierte Team besser eingespielt hat. Der Rückstand auf den ungeschlagenen und etwas überraschenden Tabellenführer Queen of the South (die »Königin des Südens« ist ein Klub aus dem kleinen Ort Dumfries, kurz vor der Grenze zu England, ganz im Süden Schottlands) beträgt auch nur 6 Punkte.

Und sonst…

Am Sonntag in einer Woche steht im Liga-Pokal mal wieder ein Glasgow-Derby an, die Rangers erwarten dieses Mal Celtic im heimischen Ibrox. In der Liga ist der nächste »Knaller« Ende Oktober das Spitzenspiel Zweiter gegen Erster zwischen Aberdeen und Celtic.

Celtic spielt aber erst einmal nächste Woche gegen unsere Borussia in der Champions League, darauf werden wir natürlich noch separat eingehen.

An der Medienfront hat sich durch den Start von DAZN für Fans des Schottischen Fußballs etwas getan. Auch wenn die Livespiele aus Schottland spärlich bleiben (sind sie ja auch drüben auf der Insel im Pay-TV), so kann man sich jede Woche zumindest eine 20-minütige Sendung mit Highlights von allen Spielen anschauen. Die ist etwas versteckt, man muss sich durch DAZNs extrem unübersichtliches Kachel-Interface über »Sportarten« und »Ligen« bis zur »Scottish Premiership« runterhangeln und findet die Highlights vom letzten Spieltag dann unter »Features«.

Das oben erwähnte Spitzenspiel zwischen Aberdeen und Celtic wird auch (so steht es zumindest im Programm) am 28.10. bei Sport1+ übertragen. Dort gibt es am Sonntag zuvor (den 23.10.) auch das Duell zwischen St. Johnstone und dem FC Dundee zu sehen. Für Schotten-Fußball auf deutschen Schirmen bleibt also gesorgt…

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