Ein Besuch in der Ligue 2: Racing Club de Strasbourg vs Red Star FC 0:0 – 19.9.2016

Stadion

Racing Strasbourg vs Red Star FC 0:0

Das Gute, wenn man in Karlsruhe wohnt: Andere Länder und Ligen sind nicht weit entfernt. Nicht nur in die Schweiz kann man hinüber hoppen, sondern auch nach Frankreich. Unmittelbar hinter der deutschen Grenze spielt der Traditionsklub Racing Club de Strasbourg in der französischen Ligue 2. Wieder in der Ligue 2, denn der altehrwürdige Racing Club hat mit Insolvenz und Zwangsabstieg in die fünfte (Amateur-)Liga harte Zeiten hinter sich. Im Sommer gelang Racing mit dem Aufstieg in die französische zweite Liga die Rückkehr in den »richtigen« Profifußball. Grund genug für Team ballreiter, mal wieder die Grenze zu überqueren und im Stade de la Meinau vorbei zu schauen…

Racing Club de Strasbourg Alsace

Wandschmuck im Stade de la Meinau

Racing ist ein 1906 als FC Neudorf (deutsche Namen finden sich historisch bedingt viele im Elsass) gegründeter Traditionsverein aus dem gleichnamigen Stadtteil Straßburgs, der seine erfolgreichste Zeit Ende der 70er-Jahre hatte, als 1979 die Französische Meisterschaft geholt wurde und der Club bis ins Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister vorrückte. Das war eine glamouröse Zeit für Racing. Der mondäne und exzentrische Ex-Racing-Spieler Gilbert Gress führte den Club als Trainer zu sportlichen Höhen und wurde als Modeikone über den franz. Fußball hinaus berühmt.

Berühmte Spieler und Trainer wie Didier Six, Raymond Domenech oder Stan Libuda (und die Gladbacher Abwehrikone Jeff Strasser) waren für Racing aktiv.

Von gelegentlichen kurzzeitigen Abstiegen in die zweite Liga abgesehen, gehörte Racing zwischen 1934 und 2008 immer zum Stamm der franz. ersten Liga, der Ligue 1 (vor 2002 Division 1). Dreimal wurde auch der französische Pokal gewonnen.

2008 begann ein Abstieg bis in die dritte Liga, der finanzielle Schwierigkeiten und Querelen mit dem Besitzer Jafar Hilali auslöste. Nach dem missglückten Aufstieg aus der dritten Liga 2011 hatte selbiger die Nase voll und nach einigen Wirren mit einem Neubesitzer, der dann doch nicht wollte, musste der überschuldete Klub Insolvenz anmelden. Was zu einem Neuanfang mit einer de-facto-Neugründung des Klubs in der fünften (Amateur-)Liga CFA 2, vergleichbar mit der deutschen Oberliga, führte.

Damals, 2011, war ballreiter (bevor es den selbigen gab) beim historischen ersten Spiel in der fünften Liga CFA 2 gegen Illzach Modenheim dabei, über 9.800 Zusehende im 30.000 Zuschauer fassenden Stade de la Meinau sorgten gleich einmal für einen neuen Zuschauerrekord der CFA 2. Selbiger wurde im Laufe der Saison dann noch auf über 10.000 hochgeschraubt. Die Bilder zeigen Impressionen von diesem Tiefpunkt und Neuanfang in der Geschichte von Racing:

Es dauerte dann insgesamt 5 Jahre (mit einem Beinahe-Wiederabstieg aus der dritten Liga), bis Racing in diesem Jahr die eingleisige dritte Liga »Championat National« gewann und mit dem Aufstieg in die Ligue 2 in den Profifußball zurück kehrte. Maßgebliche Figur der Renaissance von »Les Bleus« ist der ehemalige Profi Marc Keller, der einst bei Racing, dem KSC und West Ham gekickt hatte. Er schaffte mit Geldgebern aus der Region, den Verein wirtschaftlich wieder zu stabilisieren. Um diese Verbundenheit mit der Region auch im Vereinsnamen zu dokumentieren wurde der Zusatz »Alsace« (Elsass) in den Namen aufgenommen.

Mit 3 Siegen aus den ersten 7 Spielen gelang ein guter Start in die Saison, Racing befindet sich in der tabellarischen Spitzengruppe der (sehr ausgeglichenen) Ligue 2.

Stade de la Meinau

Racing spielt seit seiner Gründung auf dem Platz im Stadtteil Neudorf, wo heute das 29.000 Zuschauer fassende Stade de la Meinau steht. Ursprünglich war hier eine Wiese in einer Grünanlage namens »Hämmerle-Garten« (franz. »Jardin Haemmerlé«).

Ab 1921 steht dort ein Stadion, das 1979 für die EM 1984 auf den heutigen Stand ausgebaut wurde und sich für ein über 30 Jahre altes Stadion noch stets in einem sehr ordentlichen Zustand befindet.

Stade de la Meinau Stade de la Meinau Matchday-Bier im stylischen Spieler-Dekor-Becher Stade de la Meinau Stade de la Meinau

Die Eintrittspreise (21 Euro kostete der Sitzplatz auf der Gegentribüne) bewegen sich etwas unter dem deutschem Niveau, für ein (Straßburger Kronenbourg) Bier legt man 4 Euro auf den Tresen.

Generell fällt auf, dass man sich bei Racing sehr viel Mühe gibt mit dem »Drumherum« des Stadionbesuchs: Es gibt zahlreiche Getränkestände, am Haupteingang ist ein Flammkuchenlokal (man befindet sich schließlich im Elsass) mit Bierbänken und Tischen sowie eine Bühne aufgebaut. Auf letzterer stimmt der Stadionsprecher das versammelte Publikum ein und Spieler kommen noch einmal heraus auf die Bühne und geben letzte Interviews.

Der Gegner: Red Star FC

Auch der Gegner Red Star FC aus Paris ist ein interessanter Verein. Der Klub wurde 1897 u.a. von Jules Rimet gegründet, der später als FIFA-Präsident und einer der Erfinder der Fußball-Weltmeisterschaft weltberühmt wurde und nach dem die bis 1970 verwendete Weltmeister-Trophäe »Coupe Jules Rimet« benannt wurde. Sie wissen schon, »Jules Rimet still gleaming…«

Der Klub hat in den 119 Jahren eine wilde Geschichte mit insgesamt 10 Fusionen und Umbennungen hinter sich. Nach einer Legende soll der rote Stern im Vereinswappen von der zur Gründungszeit durch Europa tourenden Buffalo-Bill-Western-Show inspiriert sein.

Red Star ist eine Fahrstuhlmannschaft, zwischen erster und sechster Liga war alles dabei. Zuletzt war man mit Racing zusammen in der dritten Liga, stieg jedoch bereits 2015 in die Ligue 2 auf und konnte sich darin souverän behaupten. Red Star ist damit nach Serienmeister PSG die zweite Fußball-Macht in Paris.

Der Klub spielte traditionell im (nach dem Widerstandskämpfer Jean-Claude Bauer) Stade Bauer genannten Stade de Paris in dem Banlieue Saint-Ouen und hat im Laufe der letzten Jahrzehnte eine treue links-alternative Fanszene entwickelt, die mit den Besitzern des Klubs im Dauerclinch liegt. Da das Stade Bauer marode und baufällig ist, muss Red Star derzeit im Stade Jean Bouin in der Nachbarschaft des Prinzenparks spielen, eigentlich die Heimat des Rugby-Teams Stade Français.

Red Star ist auch ein Sehnsuchtsverein von Fußballtraditionalisten aus aller Welt, weshalb es viel dazu zu lesen gibt:

Matchday

Fußball wurde natürlich auch gespielt. Auf Montag 20:30 war das Spiel angesetzt, entsprechend leer war der Gästeblock. Racing hatte schon am Freitag abend ein Spiel gehabt und auswärts 0:1 verloren.

13.015 Zusehende fanden sich in der Meinau ein. Der Fanblock hinter dem Tor war gut gefüllt und veranstaltete über das ganze Spiel hinweg ein ordentliches Spektakel. Die Ultras von Racing unterhalten eine langjährige Fanfreundschaft mit denen des KSC. Somit gilt Racing wie Hertha als »befreundeter Klub« und es finden sich regelmäßig Karlsruher im Publikum bei Racings Heimspielen ein.

Racing Strasbourg vs Red Star FC 0:0 - Der heimische Fanblock.

Nach der Freitag-Niederlage war Racing bemüht, daheim einen Dreier einzufahren und berannte beherzt das Tor von Red Star. Es entwickelte sich eine durchaus ansehnliche Partie. Man war ja auch nicht verwöhnt von dem Gekicke im Wildpark tags zuvor und dankbar für alles, was ein bisschen nach Fußball aussieht…

Racing erarbeitete sich ordentliche Torchancen, mehr als ein Pfostentreffer von Publikumsliebling Dimitri Liénard in der 7. Minute wollte aber nicht heraus springen. Liénard, Stürmer Stephane Bahoken und Co. vergaben einige Chancen, Red Star gelangen nur einige harmlose Konter.

Was auffiel: Der Schiedsrichter ließ sehr viel laufen. Viele Situationen, die in Deutschland Freistöße nach sich ziehen würden, werden in Frankreich laufen gelassen. Was dem Spielfluss sehr gut tat. Wenn man im Ausland schaut fällt erst auf, wie kleinlich mittlerweile in Deutschland gepfiffen wird.

Nach etwa 60 Minuten wurde Racing müde, Trainer Thierry Laurey wechselte auch erst spät, auch Toptorjäger Jérémy Blayac (4 Treffer bisher) kam erst spät. Deshalb wurde in der letzten halben Stunde Red Star etwas stärker und kam häufiger vor das Straßburger Tor, entwickelte aber nur durch Standards ein wenig Torgefahr.

Am Ende blieb es beim 0:0, wie man so sagt, »ein 0:0 der besseren Sorte«. Racing schaffte es nicht, das gute Spiel, besonders in der ersten Hälfte (11 zu 2 Torschüsse, 60% Ballbesitz), in einen Dreier umzuwandeln und liegt nun auf Rang 4 der Tabelle, Red Star bleibt auf Rang 12.

Fazit: Ein rundum gelungener Fußballabend in Straßburg, es fehlten nur als »i-Tüpfelchen« die Tore für Racing. Man darf gespannt sein, ob es »les Bleus« im weiteren Verlauf der Saison gelingt, sich gleich als Aufsteiger in der Spitzengruppe der Ligue 2 festzusetzen. Allez Racing!

Impressionen

Racing Strasbourg vs Red Star FC 0:0 - Applaus nach dem Spiel.

Au revoir, Stade de la Meinau!

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