Ballkultur

»Team Marktwert« läuft auf den Platz!

Der Fußball im Nebel…

Im Januar begrüßten wir hier das Jahr des Feuer-Affens und schrieben in einer Meta-Betrachtung zum allgemeinen zeitgenössischen Fußball-Kulturpessimismus:

»Natürlich wird es Verlierer geben, denn wenn das Geld neue Vereine an die Spitze bringt, muss dafür auch jemand anderes hinunter. Aber so ist das halt im Fußball. Es gibt ständige Veränderung. Erkenschwick oder Herne waren einst auch die Verlierer jener Professionalisierung, die dann zur Gründung der Bundesliga führte.«

Das sehen einige aktuelle Bundesliga-Vereine wohl auch so und möchten nur ungern das Erkenschwick oder Herne des 21. Jahrhunderts werden. Deshalb gründeten sie nun, im Vorfeld der nächsten Runde des Bundesliga-TV-Rechte-Geschachers mit von Kalle R. und Co. erwarteten bekömmlichen Mehreinnahmen, das »Team Marktwert«!

»Team Marktwert«?

Hinter dem seltsamen Namen verbirgt sich eine selbsternannte »Traditionsverein«-Fraktion innerhalb der aktuellen Bundesligisten, gebildet aus Hertha BSC, Werder Bremen, Eintracht Frankfurt, dem Hamburger SV, dem 1. FC Köln und dem VfB Stuttgart.

Bisher werden die TV-Gelder aus zwei Töpfen ausgeschüttet: Ein Sockelbetrag (ca. 65% der TV-Gelder) wird unter allen Klubs zu gleichen Teilen verteilt. Aus einem zweiten Topf (ca. 35%) wird nach den Tabellenplatzierungen der letzten Jahre, also leistungsbezogen, verteilt.

Das möchte »Team Marktwert« aufweichen (warum sollte klar sein, wenn man kurz über die beteiligten Vereine und das Wort »Leistung« nachdenkt…) und schlägt deshalb einen dritten Topf mit einer Verteilung nach einem ominösen »tatsächlichen Marktwert eines Klubs« vor. Dieser »tatsächliche Marktwert« soll aus noch zu definierenden »objektiven« Kennzahlen wie Fanbasis, Beliebtheit, Bekanntheit, TV-Reichweite und Interaktionsraten in Social Media bestimmt werden.

Aber warum?

Weil in ihrer Selbstwahrnehmung diese »Traditionsvereine« die Zuschauer in der Bundesliga anlocken und die bösen Kapital- und Werksvereine wie Leverkusen und Wolfsburg davon profitieren, die, weil sie erfolgreicher sind (Sie erinnern sich, s.o., »Leistung«, Topf 2), mehr von dem schönen TV-Geld abschöpfen.

Wer kürzlich kostbare Lebenszeit verschwendete weil er/sie den Fehler machte, das Freitagsspiel Eintracht Frankfurt vs Hamburger SV anzuschauen (vom kicker angemessen mit »Spielnote: 5, ein unansehnliches Spiel mit vielen Fehlern auf beiden Seiten« bewertet) wird schon bei dieser Grundannahme (»wir locken die Zuschauer«) dezent den Kopf schütteln…

Problem 1: »Tradition« ist keine Tugend

Diese ominöse »Tradition«, vor allem von sportlich weniger erfolgreichen Vereinen stets wie eine Monstranz vor sich her getragen, ist ja sowieso so eine Sache. Denn eigentlich bedeutet das nichts anderes als dass der Verein »alt« ist. Und idealerweise in den vielen Jahren der Existenz irgendwann mal eine gute Phase hatte an die man sich dann stets gerne erinnert. Denn dann ist es noch traditionsreichere Tradition. Aber »alt« wird man von alleine. Es ist keine Tugend.

Das sieht man sehr schön an den DDR-Traditionsvereinen, von denen kürzlich viele ihren 50. Geburtstag feierten. Und die allesamt Konstrukte sind, die in der DDR am grünen Tisch so konstruiert wurden. Natürlich mit einem anderen »gesellschaftlichen Überbau«. Aber ansonsten exakt so konstruiert wie Redbull Leipzig.

Oder der kürzlich be-groundhoppte KFC Uerdingen. Bayer Uerdingen war natürlich schon in den 80ern ein werksunterstütztes Konstrukt, nach Maßstab von »Team Marktwert« also böse. Und heute gilt der KFC als »Traditionsverein« mit einem großartigen alten Stadion…

Bleibt noch die Selbsteinschätzung der 6 Klubs, dass sie eine besondere Bedeutung für die »Gesamtmarke Bundesliga« hätten, die in der TV-Geld-Vergabe honoriert werden müsse. Auch dabei wird wieder aus »alt« eine Bedeutung konstruiert, die nicht haltbar ist. Die Bundesliga war auch populär, als der 1. FC Köln oder Eintracht Frankfurt in der Zweiten Liga kickten. Selbst als Borussia Mönchengladbach in der Zweiten Liga kickte lief die Bundesliga unverändert weiter, und die Fohlenelf war in den 70ern tatsächlich prägend für die Bundesliga…

Und dass der HSV in all den Jahren so viel Glück hatte, dem Abstieg zu entrinnen (wir erinnern uns an die Relegation im letzten Sommer…), ist wohl auch keine Tugend. In der ewigen Tabelle der Bundesliga finden wir 54 Vereine. Die Bundesliga hat ihre Bedeutung, weil sie die sportlich starke Top-Liga in einem »Fußballland« ist. Und nicht, weil da Eintracht Frankfurt und der HSV kicken. Wenn diese absteigen würden, würden sie irgendwann (außer von den eigenen Fans) genauso wenig vermisst wie aktuell der 1. FC Kaiserslautern…

Sofern sie so lange durchhalten, wären in 30 Jahren Redbull Leipzig und TSG Hoffenheim dann auch Traditionsvereine, welche die »Gesamtmarke Bundesliga« geprägt hätten.

Man sieht: Dieser »prägende Tradition für die Gesamtmarke«-Begriff führt im Grunde zu gar nichts und ist im Kontext der TV-Gelderverteilung, für die man aus Gründen der Gerechtigkeit selbstverständlich »harte« objektive Kriterien braucht, nicht zu gebrauchen.

Problem 2: Ein Pudding lässt sich nicht an die Wand nageln

Aber einmal angenommen, »Tradition« wäre doch eine valide Kategorie für die TV-Geldverteilung, dann stellt sich die Frage: Wie will man das objektiv messen?

Da wären zunächst einmal die Einschaltquoten. Darüber haben sich die »Stehplatzhelden« schon einmal Gedanken gemacht und sind, da sie auch in dieser »Traditions-Sichtweise« stecken, davon begeistert. Nur benutzen sie als Basis die vom »Meedia«-Portal ermittelten Einschaltquoten der Sky-Spiele. Aufgrund der deutschen Eigenheit der Konferenz und der Verteilung der Einzelspiele sind objektiv vergleichbare Quoten aber schwierig bis unmöglich. Meedia löst das Problem so:

»Die Konferenz-Zuschauer werden in dem Verhältnis unter den zu der Anstoßzeit spielenden Clubs aufgeteilt, in dem sie sich schon die Zuschauer der Einzelspiele aufgeteilt haben.«

Das ist wahrscheinlich schon eine grobe Fehlannahme, denn ein Teil der Konferenzgucker schaut Konferenz im Grunde sicher deshalb, weil Samstag 15:30 nun einmal Fußball-Zeit ist oder weil die Bundesliga an sich interessiert. Aber hat, da sie ja offensichtlich kein Einzelspiel eines der Vereine anschauen, sondern die Konferenz, wohl eher weniger Interesse an einem bestimmten Verein. Somit kann man diese nicht einfach deren Quoten zuschlagen.

Schon die Samstag-Konferenz zeigt die Schwierigkeit zur objektiven Ermittlung auf. Vom Einfluss der Spieltermine, also ob Freitag, Sonntag, Samstags-»Topspiel«, ob alleine oder gegen die Konferenz, gegen wen spielt man, die sportliche Bedeutung für die Gesamtliga, usw., fangen wir erst gar nicht an.

Bleiben die anderen vom »Team Marktwert« angeführten Kriterien. Aber wer sich in seinem Leben schon einmal mit empirischer Sozialforschung beschäftigt hat, ahnt schon, dass die Messung von Dingen wie »Fanbasis, Beliebtheit, Bekanntheit« dem Versuch gleichen wird, einen Pudding an die Wand zu nageln. Oder gar Follower und Liker in Social Media. Wenn es um bares Geld gehen würde, hätte wohl jeder Verein in Kürze einen wundersamen Social-Media-Zuwachs, denn den kann man kaufen

Es ist ja auch nicht so, als ob das nicht schon einmal versucht worden wäre. Der Kicker hat einen schönen Übersichtsartikel zur Gesamtproblematik und führt in einer Tabelle Länder an, die einen »blumigen« Teilaspekt in die Verteilung der Gelder einfließen lassen. So wird in der Premier League die Anzahl der Live-Spiele berücksichtigt, was aber eine Besonderheit ist, denn in England ist der traditionelle »Saturday afternoon at 3«-Anstoß gegen Live-Übertragungen geschützt und diese Komponente ist nur eine Kompensation dafür, nicht Samstags um Drei spielen zu dürfen. In Spanien wird ein Teil nach verkauften Tickets und Einschaltquoten verteilt. Dort hat aber fast jedes Spiel einen exklusiven Spieltermin und ist damit besser messbar. In Italien gibt es eine Komponente nach registrierten Fans in Fanklubs und der Einwohnerzahl der Städte.

Für die Eredivisie in den Niederlanden führt die Kicker-Tabelle die Verteilung nach einer »Club Positioning Matrix« auf, die den Vorstellungen vom »Team Marktwert« sehr ähnlich war. Nur irrt der Kicker hier (deshalb auch »war«), dieses Kriterium wurde schon 2013 wieder abgeschafft. Eben weil es unmöglich war, für Marktpotenzial, Image, Beliebtheit, etc. objektive Messungen durchzuführen. Wer des Niederländischen mächtig ist, kann dazu diesen Text »De CPM matrix en de verdeling van de tv gelden in de eredivisie« lesen. Mittlerweile werden die Gelder in der Eredivisie nach einer Zehn-Jahres-Tabelle des sportlichen Abschneidens verteilt. Also fast genau so wie aktuell in der Bundesliga.

Fazit: »Team Marktwert« will einfach mehr Geld für schlechte Arbeit

Wenn man also über die Ideen und Grundannahmen von »Team Marktwert« näher nachdenkt, wird schnell klar, wie dünn und anmaßend die Legitimation der ganzen Aktion ist. Ganz zu schweigen davon, dass es fast unmöglich ist, das schwammige Traditionsgewese und die vorgeschlagenen Kriterien in objektive Zahlen zu packen.

Im Grunde hätte man sich obige Ausführungen aber sowieso sparen können, denn dieser »Marktwert« ist nur ein zusammengehämmertes Konstrukt, um das wahre Ziel zu erreichen, wie Twitterer »DerAufsetzer« treffend erkannte:

Wenn man sich die beteiligten Vereine anschaut, insbesondere den HSV mit seiner jahrelangen Geldverbrennerei hinein in die doppelte Relegation, dann kann man stark bezweifeln, ob »zu wenig Geld« wirklich das Problem dieser »Traditionsvereine« ist. Diese Vereine haben und hatten, mit ihren Großstädten und ihrem Traditionsverein-Zuschauerpotenzial (von dessen Existenz sie ja ausgehen, s.o.) im Rücken, alle Möglichkeiten, durch gute Arbeit sportlichen Erfolg zu haben. Wenn sie trotzdem keinen hatten und haben, liegt das wohl eher an ihnen selbst und ihrer schlechten Arbeit.

Eine Desolidarisierung der Zentralvermarktung mit dem Konstrukt »Marktwert« ist daher nur der Versuch, noch mehr Geld zum Verbrennen zu generieren und das anderen wegzunehmen. Denn nicht zufällig besteht »Team Marktwert« aus genau den Vereinen, die den Zweitligisten die TV-Einnahmen deckeln wollen

Von daher ist der Ansatz von »Team Marktwert« abzulehnen. Bevor das eingeführt wird, sollte man eher die Zentralvermarktung beenden. Dann würde man schnell sehen, was die glorreichen Traditionsvereine, das selbsternannte Rückgrat der Bundesliga, auf dem freien Markt tatsächlich wert sind…

kommerz meta teammarktwert

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