Ballkultur

Der fußballkulturpessimistische Feuer-Affe, oder: Ein Statement zur grassierenden Untergangsstimmung

Flutlichtmast im  Dens Park, Dundee FC, 2013 Die Festivitäten zur Inkrementierung der Jahreszahl haben wir, verehrte Leserinnen und Leser, hoffentlich gut überstanden. Nun schreiben wir also 2016 ins Datum und gehen in das chinesische Jahr des Feuer-Affens. Gemäß der fachkundigen Auskunft der Astro-Woche ist der Feuer-Affe (Zitat) »ein geschickter Typ, der voller Raffinesse steckt und stets seinen Vorteil im Auge hat«. Was dann ja irgendwie wieder mit Fußball zu tun hat…

Düster, düsterer, Fußball!

Es ist gemeinhin so, dass Menschen das neue Jahr (meist) voller guter Vorsätze und Optimismus angehen. Denn leichtsinnigerweise gehen wir Menschen zu solchen Gelegenheiten davon aus, dass in Zukunft vieles besser werden wird. Nicht aber die Fußballtraditionalisten!

So zeichnet die »Schottische Furche« in einer Mischung aus Jahresrückblick- und -ausblick ein düsteres Bild vom Zustand des Fußballs zu Beginn des Jahres 2016:

»In Katar sterben täglich Menschen auf Baustellen, nur damit wir uns wieder Helene Fischer in Autokorsos geben können. FIFA und UEFA kommen der Cosa Nostra gleich und der DFB, selbst einst mit erhobenen Fingern auf andere zeigend, repräsentiert mit seinem Kaiser keinen Verband, sondern die ›Farm der Tiere‹ nach George Orwell. Und wer es sich nicht hart, sondern eher romantisch besorgen will, kann sich ja Ralf Rangnick im Interview geben.«

Es scheint fast so, als würde der Feuer-Affe schon länger die Regentschaft über den Fußball haben. Eine Aussicht auf Besserung in diesem »Ausnahmezustand« des Fußballs scheint nicht in Sicht, so die »Schottische Furche« (Zitat):

»›Traditionalisten aller Länder, vereinigt…‹ sorry nein, das hat der alte Marx nicht verdient. Doch betrachten wir rückblickend das Fußballjahr 2015, so ist das geliebte runde Leder nur noch mit einer Vereinigung aller Fankurven -und kulturen zu retten. Mit einer Revolution, einem Manifest vielleicht, das Mindestgehälter festlegt und ein Verbot von Vermarktung jeder Art ausspricht.«

Ähnlich optimistisch, dabei die Borussia aus Mönchengladbach im Blick, äußert sich die Torfabrik:

»Die Kommerzialisierung im Profifußball hat eine derartige Geschwindigkeit aufgenommen, dass sie allenfalls marginal gebremst, aber nicht mehr aufgehalten werden kann. Für das Jahr 2016 gilt: Welcher Klub jetzt nicht auf den Schnellzug aufspringen kann, der wird auf Jahre aussichtslos ins Hintertreffen geraten. Nicht nur für Fußballpuristen kommt diese Entwicklung der Zerstörung ihres so geliebten Sports gleich. Gleichwohl ist es für einen Verein wie Borussia Mönchengladbach alternativlos, sich diesem irrsinnigen und ausufernden Prozess zu stellen.«

Zwei Beispiele, die für die grassierenden Ängste stehen. Die »Traditionsvereine« wähnen sich auf dem absteigenden Ast, während das unappetitliche Koffeingetränk-Konstrukt aus Leipzig sich schon auf den Europapokal vorbereitet. Und über allen lauert, wie das übernatürliche Böse in den Geschichten von H.P. Lovecraft, übermächtig und unentrinnbar das englische Fernsehgeld. Und dabei haben wir von FIFA, UEFA und Konsorten noch gar nicht angefangen…

Der Fußball verändert sich immer, und niemand ist unschuldig daran

Ja, die böse Kommerzialisierung des Fußballs. Das Menetekel eines Untergangs des »wahren Fußballs«. Mir ist das alles viel zu viel Gejammer, wie schon neulich beim Deadline-Day. Der Fußball existiert nicht auf einer »Insel«, sondern lebt in dem sozialen Umfeld, in dem wir auch mit den Nicht-Fußball-Aspekten unseres Lebens existieren. Also in einem hyper-kapitalistischen.

Der Kapitalismus frisst das Erfolgreiche in der »Pop-Kultur« (was Fußball ja letztendlich heutzutage ist) auf, kaut es durch und spuckt es wieder aus. So wie er es mit Grunge gemacht hat. Oder aktuell mit Star Wars. Und nun eben auch mit dem Fußball endgültig machen wird.

Der Fußball hat sich immer verändert. In den 50ern, als in Deutschland gegen große Widerstände die Amateure durch die Profis ersetzt wurden. Oder als vor 50 Jahren in der DDR am »grünen Tisch« die Vereine nach den Vorgaben des damaligen gesellschaftlichen Systems neu organisiert wurden. Im Grunde fast alles Konstrukte aus dem Plan. Wie RedBull Leipzig, nur mit anderen Akteuren aus einem anderen gesellschaftlichen Überbau. Heute feiern selbige Konstrukte ihr 50-jähriges Bestehen als ostdeutsche Traditionsvereine. Nichts anderes wird RedBull Leipzig im Jahre 2059 auch tun…

Daran, dass immer mehr Geld ins Spiel kommt, trägt jeder, der in den letzten Jahrzehnten zum Profi-Fußball ins Stadion gegangen ist, seinen Anteil. Jeder der ein Sky-Abo gekauft hat. Jede die ein beflocktes Trikot für 90 Euro erwirbt. Auch die Ultras und Allesfahrer_innen, die ihr Leben dem Verein widmen. In ihrem Selbstverständnis natürlich gegen die Kommerzialisierung sind. Diese mit ihren Choreografien und Anfeuerungen aber erst recht befeuern, denn »Atmosphäre« macht das Produkt attraktiver und fördert den Kaufreiz derer, die vor dem Fernseher sitzen. Und motiviert höhere TV-Gelder…

Man beklagt, dass das Spiel nicht mehr im Mittelpunkt steht. Singt aber begeistert bei neumodischem Klamauk wie einer »Torhymne« mit. Sagt den Leuten, die im Gästeblock hinter ihnen stehen und bei der ganzen »Support«-Fahnenschwenkerei nichts sehen, dass das Supporten und Fahnenschwenken wichtiger ist als das Anschauen des Spiels. Genau wie dem millionenschweren Sponsor seine animierte Bande. Eine Medaille, zwei Seiten. Der moderne Fußball. Nie wurde das so schön symbolisiert wie kürzlich beim türkischen Klub Bursaspor, als sich ein Autokonzern einen »Werbeplatz« in einer Choreo der örtlichen Ultras kaufte:

Auch kapitalistischer Fußball ist Fußball

Neulich gab der ehemalige Bremer Verteidiger Sebastian Prödl, jetzt im Trikot des FC Watford in der Premier League unterwegs, dem Kicker ein Interview. Und erntete für folgende Passage einen Mini-Shitstorm im Social Web:

»kicker: Unterscheidet sich so das Publikum in Deutschland und auf der Insel. In der Bundesliga diejenigen, die das Event lieben, in England die "echten Fans", die den Fußball mögen?

Prödl: Darauf läuft es hinaus. Meine Erfahrung ist: Die Fans in Watford kommen, um Fußball zu erleben. Fünf Minuten vor dem Spielbeginn ist das Stadion voll, fünf Minuten nach dem Schlusspfiff sind fast alle weg. Das Spiel, das Eigentliche, zählt, nicht das Drumherum.«

In den letzten Jahren durfte ich auch in Großbritannien, in der Schweiz und neulich beim FC Barcelona Spiele im Stadion sehen. In Ligen, in denen der Fußball schon lange in »kapitalistischen« Eigentümerstrukturen (im Gegensatz zum deutschen Mitglieder-Vereinswesen, das den hiesigen Profi-Fußball hervor gebracht hat) organisiert ist. Also im Sinne des hiesigen Fußball-Traditionalismus »böse«.

In Wirklichkeit gibt es aber selbst in Barcelona, als globalisierter Super-Fußball-Konzern ja geradezu ein Synonym für den modernen Fußball-Kapitalismus, im Stadion eine konzentriertere Fußball-Atmosphäre als in vielen Bundesliga-Stadien. Auch in Glasgow und in Dundee habe ich das so erlebt. Man kommt kurz vor Spielbeginn ins Stadion, schaut das Spiel, feiert kurz die Mannschaft (sofern angebracht) und geht wieder. Das Selbst-Eventisieren der »organisierten Fanszenen« fehlt weitestgehend und sorgt für eine Atmosphäre, die viel mehr auf das Spiel bezogen ist. Und es gibt keine 90-Minuten-Fahnenschwenker und keine Tormusik. Gute Sache, im Grunde genommen, wenn das dieser böse Fußball-Kapitalismus ist, bin ich dafür!

Fürchte nicht den Feuer-Affen!

Was uns das sagt: Auch eine kapitalistischere Zukunft wird den Fußball nicht töten, vielleicht ist sie auch »Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft«. Zustände wie bei Manchester City sind nicht repräsentativ für den Fußball in »kapitalisierteren« Ligen wie Schottland, England oder Spanien, die nur das vorwegnehmen, was nun bei uns kommen wird. Und vielleicht wird, wenn mehr TV-Geld im Spiel ist und die Zuschauereinnahmen im Stadion dadurch zunehmend irrelevant werden, das wirkliche Problem des Fußballs gelöst: Die stets höheren Eintrittspreise, die weite Schichten der Gesellschaft aus dem Stadion fernhalten.

Natürlich wird es Verlierer geben, denn wenn das Geld neue Vereine an die Spitze bringt, muss dafür auch jemand anderes hinunter. Aber so ist das halt im Fußball. Es gibt ständige Veränderung. Erkenschwick oder Herne waren einst auch die Verlierer jener Professionalisierung, die dann zur Gründung der Bundesliga führte. Letzendlich muss man als Anhänger_in eines der aktuellen Traditions-Vereine hoffen, zu den Gewinnern zu gehören. Denn Alter, vulgo: Tradition, ist keine Tugend, auch wenn sie noch so oft als solche beschworen wird. Aufhalten wird die aktuellen Entwicklungen niemand. Der Kapitalismus braucht Brot und Spiele, und hat den Fußball dazu auserkoren. Annehmen oder untergehen, das sind die Alternativen…

Auf ein gutes Fußball-Jahr!

Wie uns die Astrowoche zum Jahr des Feuer-Affens verrät: »Der Affe gilt als flexibel, weshalb er schnell vorwärts kommt, doch fühlt er sich nur in Gesellschaft wohl.« In diesem Sinne wünsche ich, trotz des grassierenden Fußballkulturpessimismus, viel Freude beim schönen Spiel auf dem grünen Rasen im Jahre 2016. Letztendlich ist es nun einmal so: Wenn der Schiedsrichter pfeift und der Ball gekickt wurde, ist uns in den nächsten 90 Minuten TV-Geld und Kommerzialisierung völlig egal.

Und wenn der Frust über den »modernen Fußball« die Oberhand gewinnt: Auch die kleinen Vereine in der Region freuen sich über Besuch, und da kann man noch mit einem Flaschenbier in der Hand entspannt am Spielfeldrand stehen und das Spiel genießen…

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