Spielbetrieb

Neues aus Schottland #2: Nationalteam-Tristesse und Liga-Spannung

Bild: Schottische Flagge im Wind

Bevor nach der zweiten Länderspielpause die europäischen Ligen wieder den Betrieb aufnehmen, werfen wir einen kleinen Blick auf die Fußball-Lage in Schottland. Sie ist geprägt von großer Trauer über die misslungene EM-Qualifikation, einem allgemeinen Wehklagen über den Niedergang des »Scottish Game« und von einer (für schottische Verhältnisse) bis jetzt erstaunlich spannenden Liga.

Schottlands EM-Aus

Top-Thema in dieser Woche war das Scheitern der schottischen Nationalmannschaft von Trainer Gordon Strachan in der EM-Qualifikation. Lange Zeit sah es so aus, als hätte es am letzten Spieltag der Quali noch eine theoretische Chance gegeben. Doch durch die deutsche Niederlage gegen Irland und die eigene Niederlage 15 Sekunden vor Ende der Nachspielzeit, die wahrscheinlich nur deshalb so lange gespielt wurde, weil vorher ein Typ auf das Feld gestürmt war um ein Selfie mit Lewandowski zu schießen, war das »Aus« für Schottland schon am vorletzten Spieltag besiegelt.

Alle Mannschaften der britischen Inseln (UKs England, Wales, Nord-Irland sowie die Republik Irland) sind dabei, nur Schottland nicht. Sogar Länder wie Island, die Slowakei oder Albanien sind an Schottland vorbei gezogen und haben sich direkt qualifiziert. Im Guardian spricht Ewan Murray die simple Wahrheit aus:

»Strachan and his team were not good enough; they do not deserve to be in France.«

So blieb am letzten Spieltag nur noch ein bedeutungsloser 6:0-Sieg gegen Gibraltar, wo das Team mit den mitgereisten Fans der »Tartan Army« feierte, obwohl es eigentlich nix zu feiern gab…

Allgemeine Tristesse bezüglich der Gesamtlage

Das muss man als traditionsreiche Fußball-Nation erst einmal verdauen und die Meta-Kritik am Stand der Dinge in Schottland ist stark. Der erwähnte Guardian-Artikel kritisiert:

»… there is a horrendously dull, self-interested domestic scene which does nothing to inspire talent nor supporters and a group of players who are hailed as exceptional when actually the are yet to reach mediocrity. The same applies to the coaches. Those in charge of Scottish football are deeply unimpressive opportunists but are simply a consequence of this seemingly never ending malaise.«

Wie in jedem Land, dessen Nationalteam kriselt, melden sich Alt-Internationale in den Medien zu Wort. Craig Burley, letzter Torschütze einer schottischen Nationalmannschaft bei einem großen Turnier (am 16.6.1998 bei der WM in Frankreich schoss er das 1:1 im Vorrundenspiel gegen Marokko), fällte im Daily Record ein vernichtendes Urteil:

»It just got me thinking what a delusional bunch this lot are. They beat Gibraltar 6-0 and they were out on the pitch afterwards getting photos taken and applauding the supporters. They should have sat in the dressing room with their head in their hands after coming fourth.«

Der Politiker Henry McLeish, ehemals der First Minister (etwa mit einem deutschen Ministerpräsidenten vergleichbar) Schottlands, plant sogar die Einberufung eines nationalen Fußball-Krisengipfels.

Die Lage des schottischen Fußballs ist international in der Tat nicht gut. Im Sommer hatten es die schottischen Qualifikations-Starter St. Johnstone, Inverness Caley und der Aberdeen FC nicht geschafft, sich für die Gruppenphase der Europa League zu qualifizieren. Celtic war in der Quali zur CL-Gruppenphase gescheitert und spielt »nur« in der Europa League. Und nun das Debakel der Nationalmannschaft.

Nationalcoach Gordon Strachan wird wohl weiter machen, aber es wird ein strategischer Wechsel notwendig sein, wenn der nächste Versuch der Quali zur WM 2018 klappen soll. Strachan setzte vorwiegend auf Spieler, die in den ersten beiden Ligen Englands spielen und weitestgehend nicht mehr im Talentalter sind, so dass von ihnen wohl keine größere Entwicklung mehr zu erwarten ist. Die Spielidee war nicht überzeugend, Tore wurden mehr über Kampf und Willen als durch einen Matchplan oder vorhandene spielerische Mittel erzielt. Schottlands Spiel wirkte gegenüber Teams wie Island ziemlich »alt«…

Junge und jüngere vielversprechendere Spieler wie den »Schotten-Messi« Ryan Gauld (ehemals Dundee United, jetzt bei Sporting in Portugal) oder die Celtic-Spieler Gary Mackay-Steven, Stuart Armstrong, Leigh Griffiths oder Ryan Christie von Inverness oder Jordan McGhee von Hearts gibt es durchaus. Sie müssten halt auch spielen. Die Aussichten für die WM-Quali sind so oder so nicht rosig, so dass es wohl auch an Alternativen für Strachan für den Trainerposten, auf dem man nur verlieren kann, mangeln wird.

Die heimische Liga: Erstaunlich spannend

Die heimische Liga, die Scottish Premiership, ist hingegen in dieser Saison bis jetzt ebenso unerwartet wie erfreulich spannend. Nach zehn Spieltagen steht nicht Celtic an der Tabellenspitze, sondern Aberdeen:

  1. Aberdeen 24 Pkt
  2. Celtic 23 Pkt
  3. Hearts 17 Pkt

Im August beschwerte sich Celtics Co-Trainer John Collins im Zusammenhang mit Celtics CL-Quali-Auftritten über die Qualität der Konkurrenz in der schottischen Liga:

»We conceded too many goals in Europe last year. If you become open and detached against good players and teams you get punished. It’s something that doesn’t happen in Scotland. No disrespect to teams here but they’re not clever enough players or quick enough thinkers to punish us.«

Ein Statement wie ein Weckruf für die Konkurrenz. Prompt fiel Celtic im Verlaufe der wenig erfolgreichen CL-Quali in ein kleines Loch und spielte im ersten Spiel nach Collins‘ forschem Statement nur 2:2 bei Kilmarnock. Bei der TV-Übertragung wurde Collins‘ Gesicht, als der Ausgleich fiel, groß im Bild gezeigt. Diese Klage über die Liga war sicher nicht die schlaueste seiner Ideen…

Konkurrent Aberdeen hingegen eilte von Sieg zu Sieg. Die ersten 8 Spiele gewannen die Männer von Coach Derek McInnes allesamt (und stellten damit einen neuen Startrekord für Aberdeen auf) und führen die Tabelle an. Darunter war das sehenswerte Spiel gegen Celtic am 7. Spieltag, das mit 2:1 gewonnen wurde:

Auch der 3:1 Auswärtssieg bei dem starken Aufsteiger Heart Of Midlothian war beeindruckend. Zwischenzeitlich hatte Aberdeen (auch weil Celtic zeitweise ein Spiel weniger hatte) 5 Punkte Vorsprung an der Tabellenspitze und Celtic war hinter Hearts auf den dritten Rang abgerutscht.

Den Hearts aus Edinburgh, Aufsteiger aus der zweiten Liga, in die sie vorletzte Saison nach 15 Punkten Abzug wg. finanzieller Verwerfungen abgestiegen waren, gelang ein starkes Comeback in der Premiership. Sie starteten mit 5 Siegen hintereinander in die Saison, gleich am ersten Spieltag gab es einen grandiosen 4:3-Thriller gegen St. Johnstone:

Danach gab es 3 Niederlagen hintereinander, aber Hearts machen trotzdem einen starken Eindruck, sie werden sicher weiter oben mitspielen. Wie auch das 0:0 bei Celtic am 9. Spieltag zeigte.

Celtics Schlüssel zur Meisterschaft im letzten Jahr waren die Siege in den Spielen gegen die nächsten Konkurrenten. In dieser Saison sind sie nicht nur, Stand 10. Spieltag, als Tabellenführer entthront, sondern gewannen auch nicht die Spiele gegen die Konkurrenten Aberdeen und Hearts. Möglicherweise kann die Saison sogar spannend werden. Und die »schottischen Verhältnisse« sind in dieser Saison gar nicht so schlimm wie die »deutschen Verhältnisse« mit ihrer Bayern-Dominanz…

Die Enttäuschung der Saison, wie schon in der Vorschau prognostiziert, ist bis jetzt leider Dundee United. Mit nur einem Sieg aus 10 Spielen sind sie Tabellenletzter. Konsequenz: Trainer Jackie McNamara musste gehen, in der Länderspielpause wurde der kürzlich als Nationaltrainer Finnlands entlassene Mixu Paatelainen, der schon als Spieler bei Dundee United aktiv war, zum Nachfolger berufen. Und feiert sein Debüt am Sonntag gleich gegen den Tabellendritten Hearts.

Am Wochenende geht es weiter, die drei Top-Teams müssen alle auswärts antreten. Und am übernächsten Spieltag (31.10.) gibt es das nächste Spitzenspiel: Celtiv vs Aberdeen.

Möglicherweise sogar auf deutschen TV-Schirmen, denn Sport1+ überträgt in dieser Saison das eine oder andere Spiel aus der Premiership live, für meinen Geschmack aber bisher viel zu wenig. Die Übertragungen tauchen in der Regel recht kurzfristig auf, so dass es sich lohnt, ein Auge auf die für diese Dinge unentbehrliche Seite fussballgucken.info zu haben.

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